Petra Anders stellt vor:

Der standardisierte Schüler

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Der standardisierte Schüler

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Geschrieben von Petra Anders

Bei te.ma veröffentlicht 19.12.2022

te.ma DOI 10.57964/06k1-g288

Geschrieben von Petra Anders
Bei te.ma veröffentlicht 19.12.2022
te.ma DOI 10.57964/06k1-g288

Besonders bedeutsam für die bildungspolitische Diskussion und auch für die Frage der digitalen Transformation in der Schule ist der Beitrag von Kaspar H. Spinner zur Standardisierung von Bildungsinhalten im Aufsatz Der standardisierte Schüler. Schon 2004 warnte Spinner vor der von ihm beobachteten Entwicklung, Leistungsstandards als Grundlage für schulische Bildung und -Leistungsüberprüfung zu setzen. Sie trivialisierten nicht nur die Lerninhalte und die dahinter stehenden Unterrichtskonzepte, sondern auch die Erfahrungen, die Schüler:innen in der Schule machen können.

Der Schweizer Germanist Kaspar H. Spinner gehört zu den wichtigsten Impulsgebern für die Deutschdidaktik. Seine Aufsätze zum Umgang mit literarischen Texten haben Generationen von Lehrkräften geprägt, da sie literaturwissenschaftliches Wissen mit einer schüler:innenorientierten Methodik verbinden, um Bildung im Sinne von Selbstentfaltung und Mündigkeit zu fördern. Den hier vorliegenden Beitrag hielt er als Rede anlässlich der Entgegennahme des Erhard-Friedrich-Preises für Deutschdidaktik im Jahr 2004. In seinem Aufsatz setzt sich Spinner kritisch mit der durch Wirtschaftsorganisationen wie der OECD beeinflussten Veränderung von institutioneller Bildung auseinander, die zunehmend von Standards vorbestimmt werde und das trivialisiere, was Kinder und Jugendliche als Bildung erfahren könnten

Im Zuge einer Standardisierung von Lerninhalten und der auf Strategietrainings reduzierten Unterrichtsmethoden würden letztlich die Schüler:innen selbst vereinheitlicht und standardisiert, um einen sogenannten Outcome und maximale wirtschaftliche Verwertbarkeit zu erzeugen: „Für das Verhalten von Schülerinnen und  Schülern kann sich der  beschriebene  Mechanismus dahingehend auswirken, dass nur noch das bei der Beschäftigung mit einem Text interessiert, was sich als Kompetenzbeschreibung in den Standards wiederfindet. Deshalb kann man sagen, dass auch der Schüler standardisiert wird. Und bei Lehrkräften droht entsprechend die Gefahr, dass sie einen Text in seiner Widerständigkeit und ambigen Mehrdeutigkeit [...] nur noch durch die Brille der Kompetenzen, die an ihm erworben werden können, wahrnehmen und dass sie umgekehrt die Kompetenzen auf das in einer Aufgabenstellung Nachweisbare zurechtstutzen (S. 7).

Eine solche Bildungsauffassung intendiere einen Schüler, der folgendem Menschenbild entspricht: „Es ist der planende, seine Verhaltensweise kontrollierende, metakognitiv sich steuernde, sich seiner Zielsetzungen bewusste und über einsetzbare Strategien verfügende Mensch.” (S. 10). Statt ein flexibel funktionierender Baustein in einer (heute: durch digitale Medien) vorstrukturierten Welt zu werden, sollten Schüler:innen sich aber durch Situationen des Staunens, des selbstvergessenen Lesens und des intuitiven, kreativen Schreibens als mündige Bürger:innen ein eigenes Bild von Welt und Selbst erschließen können.

Der Beitrag von Kaspar H. Spinner gehört zur Diskussion um die Digitalisierung von Bildung, weil jener bereits 2004 antizipierte, dass die immer weiter ausufernde Standardisierung von Lernleistungen im Unterricht fatale Folgen für die Bildung von Individuen hat, nämlich: die Reduktion von Komplexität, das Umkippen von Subjektivität in (vermeintliche) Objektivität und die Verkehrung von selbständigem Lernen in angeleitetes Training (S. 13).

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Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECDOrganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, englisch: Organisation for Economic Co-operation and Development ) Gegründet 1961, mit Sitz in Paris.

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