Planetare Gesundheit – was ist das eigentlich?

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Geschrieben von Sabine Baunach

Bei te.ma veröffentlicht 10.05.2024

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/d3p9-rq98

Geschrieben von Sabine Baunach
Bei te.ma veröffentlicht 10.05.2024
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/d3p9-rq98

Ein gesunder Planet ist die Grundlage für menschliches Wohlergehen. Das ist die Kernaussage der Wissenschaftsdisziplin Planetary Health, die in Anbetracht der multiplen klima- und umweltbedingten Krisen weltweit an Bedeutung gewinnt. In ihrer Publikation Safeguarding human health in the Anthropocene epoch stellte die führende medizinische Fachzeitschrift The Lancet das Konzept 2015 erstmals vor.

Auch wenn sich weitläufig der Glaube von der Menschheit als Krönung der Schöpfung hält, ist der Mensch als eines der Lebewesen auf der Erde nicht nur Teil der Natur, sondern existentiell auch von ihr abhängig.1 Wir brauchen saubere Luft zum Atmen, genug Wasser zum Trinken, Nahrung zum Essen und die richtigen Umweltbedingungen zum Leben. Unsere Existenz, Gesundheit und unser Wohlbefinden sind eng verbunden mit dem Ökosystem Erde. 

Der Mensch verändert das globale Ökosystem

Für das Verständnis von planetarer Gesundheit sind der Begriff des „Anthropozäns“ und das Konzept der „planetaren Belastungsgrenzen“ relevant. Anthropogenes, also menschliches Handeln hat im vergangenen Jahrhundert maßgeblich den Zustand der Erde verändert: Seit den 1950er Jahren ist die globale Erdbevölkerung um fast 200 Prozent gestiegen; die Nutzung fossiler Energieträger wie Kohle und Gas um mehr als 550 Prozent. Wir Menschen haben Staudämme an über 60 Prozent aller Flüsse weltweit gebaut, haben annähernd 50 Prozent der weltweiten Regenwälder zerstört und nutzen mittlerweile annähernd die Hälfte der verfügbaren Landfläche weltweit zur Nahrungsmittelproduktion.2 Dies sind nur einige Beispiele, wie wir zunehmend das globale ökologische Gleichgewicht verändern und es durch eine zunehmende Überschreitung multipler ökologischer Grenzen, sogenannter planetarer Belastungsgrenzen, ins Wanken bringen.3 

Diese Veränderungen des Ökosystems Erde, wie der Klimawandel oder der Verlust der Biodiversität, spüren wir an Leib und Seele: Beispielsweise führt die Klimakrise zu veränderten Lebensbedingungen von Überträgern wichtiger Infektionskrankheiten (z.B. Dengue, Malaria) und damit deren Ausbreitung in bisher nicht betroffene Regionen.4 Die fortschreitende Entwaldung und Landnutzung geht mit einer Zunahme von Zoonosen mit pandemischem Potential (z.B. Ebola) einher.5 Die Luftverschmutzung verursacht bereits circa neun Millionen vorzeitige Todesfälle jährlich.6 Darüber hinaus führen klima- und umweltbedingte Veränderungen zu zunehmenden innenpolitischen und zwischenstaatlichen Konflikten, Migration und zur Instabilität ganzer Regionen.7  

Trotz regionaler Unterschiede, was die Ursachen und Auswirkungen der planetaren Krise sowie die Vulnerabilität bestimmter Bevölkerungsgruppen betrifft8, sind wir alle als Menschheit unausweichlich davon betroffen. Die Frage ist letztendlich, wie weit sich der Mensch an Veränderungen wie extreme Hitze, Luftverschmutzung und neu auftretende Infektionskrankheiten anpassen kann. Schaffen wir uns gerade selber ab? Und: Welche Gegenmaßnahmen können wir ergreifen?

Planetary Health: ein neuer, innovativer Ansatz? 

Die Wissenschaftsdisziplin Planetary Health versteht sich als Lösungsansatz. Sie zeigt die Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch Menschen verursachte Umweltveränderungen auf und zielt durch transformatives, transdisziplinäres und systemisches Handeln darauf ab, ihre Ursachen zu erkennen und zu bewältigen. 

Mit ihrer Definition von Gesundheit geht sie weit über die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hinaus, welche Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit, aber auch als einen Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens beschreibt. Planetare Gesundheit erweitert dieses Verständnis um den Bezug zu einer gesunden Erde mit funktionierenden, resilienten und leistungsfähigen Ökosystemen und einem stabilen Klima. 

Der hier vorgestellte Bericht der Fachzeitschrift The Lancet brachte weitere nationale und internationale Initiativen ins Rollen wie die Gründung der Planetary Health Alliance und der Fachzeitschrift The Lancet Planetary Health.9 In Deutschland hat sich die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) etabliert. Auf den Punkt gebracht wird Planetary Health in einem Videobeitrag von Sam Myers, Direktor und Vater der Planetary Health Alliance. 

In der Kritik steht das Konzept Planetary Health häufig aufgrund seiner unscharfen Abgrenzung zu ähnlichen Konzepten wie beispielsweise One Health. Dieses hat sich in den 60er und 70er Jahren aus der Veterinärmedizin entwickelt und stellte ursprünglich die enge Verbundenheit von Tier- und Humanmedizin in den Mittelpunkt. In den folgenden Jahren wurde der Ansatz erweitert und unter anderem durch den Aspekt der Umwelt ergänzt. Heute setzt One Health den Fokus vornehmlich auf die Prävention von neu auftretenden und ansteckenden Krankheiten, insbesondere Zoonosen.10 Durch die große inhaltliche Überschneidung ist eine klare Trennung von One Health und Planetary Health inzwischen nicht immer möglich und wenig sinnvoll. Denn beide Ansätze basieren auf einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheitsthemen vor dem Hintergrund weiterer Wissenschaften, wie beispielsweise den Sozial‑, Natur- oder Geisteswissenschaften.

Ein besonderer Schwerpunkt von Planetary Health besteht in dem Bemühen, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Zum einen sollen die Ursachen der bedrohlichen Krise durch einen umfassenden Klima- und Umweltschutz beseitigt werden, zum Beispiel durch die Reduktion von Treibhausgasemissionen. Zum anderen sollen Maßnahmen zum Schutz vor den Auswirkungen von Klima- und Umweltveränderungen erarbeitet werden. Man denke hierbei etwa an die Verbesserung des Katastrophenschutzes vor Überschwemmungen. 

Der Weltklimarat betont in seinem 2023 erschienenen Einschätzungsbericht: „Das Zeitfenster, in dem wir eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle sichern können, schließt sich schnell.“11 Dazu mangelt es nicht an Wissen über die Ursachen und gesundheitlichen Folgen der multiplen Systemkrisen oder darüber, wie sie zu bewältigen sind; es mangelt auch nicht an lebenswerten Zukunftsvisionen. Vielmehr bedarf es konkreter und wirkungsvoller politischer Maßnahmen, um Transformationspfade konsequent auf allen Ebenen und über Ländergrenzen hinweg einzuschlagen, mit dem Ziel, Gesundheit innerhalb planetarer Grenzen sicherzustellen.12

Fußnoten
12

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU):
Planetare Gesundheit: Worüber wir jetzt reden müssen. 2021.

Planetary Health. Planetary Health Alliance, abgerufen am 08. Mai 2024.

Annalisa Savaresi, Marisa McVey: Human Rights Abuses by Fossil Fuel Companies. 2020; D.W. O’Neill et al.: A good life for all within planetary boundaries. In: Nature Sustainability. Band 1, Nr. 2, 2018, S. 88-95.

Karsten Stark et al.: Die Auswirkungen des Klimawandels: Welche neuen Infektionskrankheiten und gesundheitlichen Probleme sind zu erwarten? In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. Nr 52, 2009, S. 699-714. https://doi.org/10.1007/s00103–009–0874–9

Charles Castillo-Chavez et al.: Beyond Ebola: Lessons to mitigate future pandemics. In: The Lancet Global Health. Band 3, Nr. 7, 2015.

P.J. Landrigan et al.: The Lancet Commission on pollution and health. In: Lancet. Nr. 391, 217, S. 462–512.

A. Dowty, G. Loescher: Refugee Flows as Grounds for International Action. In: International Security. Band 21, Nr. 1, S. 1996, S. 43–71. https://doi.org/10.1162/isec.21.1.43 

AR6 Synthesis Report: Climate Change 2023. The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), 2023, abgerufen am 07. Mai 2024. 

K. Gruetzmacher, W.B. Karesh, J.H. Amuasi et al.: The Berlin principles on one health – Bridging global health and conservation. In: Sci Total Environ 764:142919 2021. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2020.142919

„There is a rapidly closing window of opportunity to secure a liveable and sustainable future for all.“ (https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/resources/spm-headline-statements/

Sarah Whitmee et al.: The Rockefeller Foundation–Lancet Commission on planetary health: Safeguarding human health in the Anthropocene epoch: report of The Rockefeller Foundation–Lancet Commission on planetary health. In: The Lancet. Nr. 386, 2015, S. 197.

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Anthropozän bedeutet „das Zeitalter des Menschen“ und lehnt sich namentlich an geologische Zeitalter (etwa das Paläozän oder das Holozän) an. Der Begriff wurde von Nobelpreisträger Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene Stoermer im Jahr 2000 geprägt und beschreibt das jetzige Erdzeitalter, in dem die Einwirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt eine globale Dimension erreicht haben. Diese führen zu teilweise erheblichen Veränderungen der Ökosysteme bis hin zu deren Zerstörung. Dennoch wurde der Begriff als offizielle Bezeichnung der aktuellen Epoche im März 2024 von der International Commission on Stratigraphy abgelehnt. Begründet wurde dies mit dem eingereichten Startpunkt des Anthropozäns, der als ungeeignet bewertet wurde, um den gesamten menschlichen Einfluss auf die Erde zu fassen.

Resilienz wird in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich definiert und beschreibt eine Eigenschaft biologischer, ökologischer, sozialer oder technischer Systeme (inklusive individueller Organismen, Gruppen von Organismen sowie Organisationen). In der Regel wird Resilienz als ein Maß für die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber äußeren Einwirkungen verstanden, d.h. als die Fähigkeit, nach Störungen wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren (oder zumindest in dessen Nähe, ohne dauerhafte qualitative Veränderungen des Systems bzw. seines Zustands oder seiner Funktionen).

Ein Ökosystem ist ein dynamischer Komplex von Gemeinschaften aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen sowie deren nicht lebender Umwelt, die als funktionelle Einheit in Wechselwirkung stehen.

Das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen definiert neun biophysikalische Systeme und Prozesse der Erde, die gemeinsam einen sicheren Handlungs- bzw. Lebensraum für menschliches Wohlbefinden und Entwicklung ermöglichen – also Grenzen, die eingehalten werden müssen, damit die Lebensgrundlagen für den Menschen gewahrt bleiben. Dazu zählen neben dem Klimawandel die Überladung mit neuartigen Substanzen, der Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre, die Aerosolbelastung der Atmosphäre, die Versauerung der Ozeane, die Störung der biogeochemischen Kreisläufe, die Veränderung von Süßwasser-Systemen, der Landnutzung sowie der Zustand der Biosphäre.

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die auf natürlichem Wege von Tieren auf Menschen übertragen werden können. Sie sind charakterisiert durch ein Tierreservoir (Tiere, bei denen der Erreger unter natürlichen Bedingungen vorkommt und sich vermehrt), bestimmte Übertragungsmodi und eine definierte Krankheit bei Menschen. Die Erreger können entweder auf direktem Weg von Tieren auf Menschen übertragen werden (orale Aufnahme, Inhalation, Haut- oder Schleimhautkontakt, Tierbiss) oder indirekt über Tierprodukte (vor allem Lebensmittel) und Vektoren (Stechmücken, Zecken, Läuse u.a.). Manche Zoonoseerreger haben auch das Potenzial der Übertragung von Mensch zu Mensch. Zoonosen haben weltweit eine immense Bedeutung.

Vulnerabilität bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“. Sie beschreibt in der Medizin die Anfälligkeit eine Menschen, an etwas zu erkranken.

Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change – IPCC) ist eine Einrichtung der Vereinten Nationen. Seit seiner Gründung im Jahr 1988 dient er als Grundlage für wissenschaftsbasierte Entscheidungen der Klimapolitik. Er umfasst drei Hauptarbeitsgruppen, die sich mit verschiedenen Themen des Klimawandels befassen: Arbeitsgruppe I befasst sich mit den physikalischen Klimaveränderungen, Arbeitsgruppe II mit den Auswirkungen dieser Veränderungen auf Menschen und Ökosysteme sowie mit der Frage, wie wir uns an das sich verändernde Klima anpassen können, und Arbeitsgruppe III mit der Frage, wie der Klimawandel verringert oder gestoppt werden kann.

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