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(Wie) Schafft politische Bildung eine demokratische Gesellschaft?

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Peter Noack, Katharina Eckstein2023
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(Wie) Schafft politische Bildung eine demokratische Gesellschaft?

»Populism in youth: Do experiences in school matter?«

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Geschrieben von Luisa Heinrichs Lukas Schlegel

Bei te.ma veröffentlicht 22.06.2024

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/a5j5-yv82

Geschrieben von Luisa Heinrichs Lukas Schlegel
Bei te.ma veröffentlicht 22.06.2024
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/a5j5-yv82

Bildung ist ein lebenslanger Prozess – das ist hinlänglich bekannt. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass jedes Bildungsangebot in jedem Lebensabschnitt auf gleichbleibend fruchtbaren Boden fällt. Psychologische Forschungen zeigen, dass politische Bildung vor allem in jüngeren Jahren besonders effektiv ist. Welche Bildungsaspekte welche Effekte haben, ist hingegen weitestgehend unklar, wie die Psycholog*innen Peter Noack und Katharina Eckstein von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zeigen. Komplett im Dunkeln tappen die Bildungsangebote allerdings trotzdem nicht.

Als Ausgangspunkt von Noacks und Ecksteins Argumentation fungiert die sogenannte Impressionable Years Thesis. Sie besagt, dass junge Heranwachsende (vor allem) zwischen 15 und 23 Jahren am empfänglichsten für politische Erfahrungen sind.1 Zumindest in liberalen Demokratien verbringen viele Menschen dieser Alterskohorte einen bedeutenden Teil jener Lebensphase in der Schule. Politische Bildung muss vor diesem Hintergrund nicht ausschließlich, aber mindestens auch in Schulen stattfinden. Dem entspricht ein Bild der Schulen als „communities of practice“, in denen Schülerinnen und Schüler dazu befähigt werden sollen, (politische) Diskussionen zu führen, zu partizipieren und Entscheidungen zu fällen.2 

So plausibel diese Annahmen einerseits erscheinen mögen, so unklar und klärungsbedürftig ist laut Noack und Eckstein andererseits, wie genau politische Bildung im Schulkontext politische Einstellungen beeinflusst.

Dass die Forschungslage äußerst uneindeutig ist, illustrieren die Autor*innen anhand der Gegenüberstellung mehrerer empirischer Forschungsergebnisse: Einerseits wurde in verschiedenen jungen Altersgruppen der U.S.-Bevölkerung (14-, 17- und 15- bis 18-Jährige) ein positiver Zusammenhang zwischen der Teilnahme an politischem Unterricht („civic courses“) und dem Vertrauen in „government responsiveness“ sowie in die Wirksamkeit von Wahlen gefunden.3 Eine andere Studie fand hingegen bei ebenfalls 17-jährigen U.S.-Bürger:innen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Vertrauen in politische Entscheidungstragende und dem Besuch politischen Unterrichts (Prough, 2008).  

Und auch mit Blick auf die informellen Aspekte politischer Bildung ergebe sich kein eindeutiges Bild. So legten unterschiedliche Studien zwar beispielsweise einen positiven Effekt offener Kommunikationsstrukturen im Klassenzimmer auf demokratische Grundhaltungen nahe. Andere Untersuchungen hätten aber keinen signifikanten Zusammenhang zwischen derartigen Arrangements und einem politischen Zynismus unter Jugendlichen offenbart.

Dass politische Bildung in der Schule aber einen positiven Einfluss haben kann, macht die Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Wie aus demokratiepolitischer Sicht besonders wichtig.

Letzten Endes sei diese Frage aber nur durch gezielte Erforschung der Relevanz weiterer schulkontextabhängiger Faktoren zu beantworten.  Einigermaßen sicher sei hierbei, dass das Schulumfeld und die Schulgemeinschaft eine wichtige Rolle spielen: „school life matters.“4 Gerade deshalb, müssten auch die demokratierelevanten Erfahrungen außerhalb des Lehrplans – gemeint sind beispielsweise Schüler:innenparlamente oder Abstimmungen in der Schulgemeinschaft – stärker in den Fokus gerückt werden. Kurz gesagt: Wenn an einer Schule schon nur wenig Politikunterricht angeboten wird, sollte wenigstens demokratisches Lernen im Schulalltag und in der Schulgemeinschaft einen hohen Stellenwert haben.5

Warum das Wissen über Wissenschaft so wichtig ist

Da Demokratie als Lebensform mehr ist als das Wissen über politische Prozesse, könne diese Aufgabe nicht ausschließlich den politiknahen Unterrichtsfächern übertragen werden. So sei beispielsweise Wissenschaftsfeindlichkeit ein wesentlicher Bestandteil des Programms populistischer Kräfte. Die Wissenschaften würden hier wahlweise als Teil vermeintlich korrupter Eliten porträtiert oder auf eine Stufe mit dem Alltagswissen gestellt. Beides ist für informierte öffentliche Debatten, die notwendigerweise auf Wissen basieren müssen, das sich die Bürger*innen nicht ausschließlich durch eigene Beobachtung angeeignet haben, ein Problem. In allen Fächern müsse daher, neben dem Faktenwissen, auch ein Verständnis dafür vermittelt werden, wie wissenschaftliche Erkenntnis zustande kommt und was Wissenschaften leisten können.

Politische Bildung im Sinne der Demokratie, soviel ist allen Forschungslücken zum Trotz sicher, muss multidimensional und fächerübergreifend sein.

Fußnoten
5

Sears, D. O. & Levy, S. (2003).  Childhood and adult political development. In:  D. O. Sears, L. Huddy, &  R. Jervis (Eds.),  Oxford handbook of political psychology (pp.  60–109). Oxford University Press; Ghitza, Y., Gelman, A. & Auerbach, J. (2022). The great society, Reagan’s revolution, and generations of presidential voting. American Journal of Political Science

Torney-Purta, J., Barber, C. H. & Wilkenfeld, B. (2007). Latino adolescents' civic development in the United States: Research results from the IEA civic education study. Journal of Youth and Adolescence,  36(2),  111–125.

Niemi, R. G. & Junn, J. (1998).  Civic education: What makes students learn. Yale University Press; Martens, A. M. & Gainous, J. (2013). Civic education and democratic capacity: How do teachers teach and what works? Social Science Quarterly, 94(4), 956–976; Levy, B. L., Journell, W., He, Y. & Towns, B. (2015). Students blogging about politics: A study of students' political engagement and a teacher's pedagogy during a semester-long political blog assignment. Computers & Education, 88(October), 64–71.

Noack, P. Eckstein, K. (2023). Populism in Youth: Do experiences in school matter? Child Development Perspectives, 17 (2), 93.

Wie an anderer Stelle ausgeführt, versucht GrundGesetzVerstehen e.V. daher, Demokratiebildung, sowohl formal als auch material (und somit kategorial) zu begreifen, indem sowohl Wissensvermittlung zu Grundrechten als auch die praktische Auseinandersetzung, beispielsweise durch Planspiele zum Umgang mit Sozialen Medien oder Gruppendiskussionen zu konfligierenden Grundrechten stattfinden.

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