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Die Fakten sprechen (nicht) für sich

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Morgan Marietta, David C. Barker2019
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Die Fakten sprechen (nicht) für sich

»One Nation, Two Realities: Dueling Facts in American Democracy«

Inhalte

Intro

Geschrieben von Tobias Müller

Bei te.ma veröffentlicht 20.06.2024

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/e8v2-6q42

Geschrieben von Tobias Müller
Bei te.ma veröffentlicht 20.06.2024
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/e8v2-6q42

Bildung, Bildung, Bildung! Das ist die Antwort, die viele geben, wenn sie nach Strategien gegen Populismus und Ressentiment getriebene Politik gefragt werden. Das gilt für zivilgesellschaftliche Organisationen ebenso wie für kritische Intellektuelle. Die Politikwissenschaftler Morgan Marietta und David C. Barker argumentieren dagegen. Bildung werde das Problem nicht lösen – im schlechtesten Fall könnten sich die Fronten sogar verhärten.

Vieles müsste eigentlich ganz einfach sein. So gibt es beispielsweise keine ernstzunehmenden Zweifel mehr am menschengemachten Klimawandel. Mit anderen Worten: Fakt ist, dass die Menschheit einen Einfluss auf das Klima hat. Auf Grundlage dessen sollte man handeln – und streiten. Denn welche Strategien zum Wandel des Wandels angewendet werden sollten, ist eine andere Frage. Laut Marietta und Barker fängt das Problem aber schon früher an, und zwar beim Fakt beziehungsweise dessen Wahrnehmung. 

Die Autoren argumentieren keinesfalls radikalkonstruktivistisch. Sie bestreiten also nicht, dass es eine Wirklichkeit gibt und Menschen sich der Wahrheit dieser Wirklichkeit etwa über Beobachtungen nähern können. Es gibt, wie sie sagen, keine „parteiischen“ oder „sich bekämpfenden Fakten“ (partisan or dueling facts)1. Was es ihrer Ansicht nach aber sehr wohl gibt, sind unterschiedliche Wahrnehmungen dieser Fakten. Unglücklicherweise hat Letzteres deutlich weitreichendere Konsequenzen als es auf den ersten Blick scheint – und unglücklicherweise ist diesen sich bekämpfenden Wahrnehmungen von Fakten (dueling perception of facts) auch kaum beizukommen.

Das liegt den Autoren zufolge daran, dass die unterschiedlichen Wahrnehmungen Ausdruck konfligierender – und sehr tief sitzender – Wertvorstellungen sind. Wären Menschen als erkennende Wesen lediglich darauf bedacht, Erkenntnis zu optimieren, also die Wirklichkeit möglichst angemessen wahrzunehmen, sähe die Situation anders aus. Laut Marietta und Barker dient menschliche Erkenntnis aber nicht nur – und in vielen Fällen nicht einmal in erster Linie – der Erkenntnis als solcher, sondern erfüllt noch ganz andere Funktionen. 

Jedem Erkennen, so die Autoren, liege eine spezifische Motivation zugrunde. Es könne beim Erkennen darum gehen, die Wirklichkeit tatsächlich möglichst akkurat wahrzunehmen. Erkenntnisprozesse könnten aber auch durch den Wunsch nach einem möglichst kohärenten Glaubenssystem (belief coherence) geleitet werden. Und schließlich spiele beim menschlichen Erkennen oftmals soziale Anerkennung eine entscheidende Rolle. Im Alltagsverständnis dürften viele Menschen Erkenntnisprozesse mit einem wissenschaftlichen Ideal assoziieren.2 Erkenntnis wäre demzufolge ausschließlich dadurch motiviert, Wirklichkeit weitgehend unverzerrt in den Blick zu nehmen. Laut Marietta und Barker sprechen allerdings sozial- und kognitionspsychologische Forschungsergebnisse eine andere Sprache. Diese haben die Idee vom Menschen als durch und durch rationalem Akteur schon seit Langem verworfen. 

Eben weil akkurate Wahrnehmung der Wirklichkeit keineswegs die einzige Motivation hinter menschlicher Erkenntnis ist, werde die Wirklichkeit häufig sehr selektiv wahrgenommen. Ein Beispiel ist der Erfolg von Menschen, die aus benachteiligten Gruppen stammen, etwa Barack Obama, der als erster Afroamerikaner in der Geschichte der USA zum Präsidenten gewählt wurde. Uneinigkeit entzündet sich nicht an der Tatsache, dass Obama als erster Afroamerikaner ins Oval Office eingezogen ist – oder an der geometrischen Form des Präsidentenbüros –, sondern daran, was diese Tatsache meint. Mit anderen Worten: Wie wird der Fakt – Obama wurde zum ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt – wahrgenommen.  

Ich erkenn’ die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt

Dieses Wahrnehmen, so Marietta und Barker, wird vor allem von den fundamentalen Werten der Wahrnehmenden beeinflusst. Ist ein Mensch zutiefst von individualistischen Werten geprägt, dann wird Obamas Erfolg in diesem Lichte wahrgenommen: „Seht, wer sich genug anstrengt, der kann zum mächtigsten Mann der Welt werden, unabhängig von Herkunft und vermeintlicher Benachteiligung.“ Sind für einen anderen Beobachter kollektivistische Werte leitend, wird die Wahrnehmung eine andere sein, etwa: „Als US-amerikanische Gesellschaft haben wir versagt, weil es über 200 Jahre gedauert hat, bis ein afroamerikanischer Präsident möglich wurde.“ 

Diese wertegeleitete Wahrnehmung, so die Autoren, werde durch die Gruppenzugehörigkeit der Einzelpersonen noch verstärkt. Menschen, so könnte man sagen, erkennen die sie umgebende Wirklichkeit nicht in sozialer Isolation. Vielmehr gehören sie sozialen Gruppen an – und diese sozialen Gruppen teilen häufig ähnliche Grundüberzeugungen. Zugespitzt: Ein linksradikaler junger Mensch wird vermutlich nicht den Großteil der Freizeit mit der Ortsgruppe der Jungen Liberalen verbringen. Damit steigen aber laut Marietta und Barker die Kosten dafür, die Welt jenseits des eigenen Wertekorridors wahrzunehmen. Es ist schmerzhafter, sich gegen die eigene Peergroup zu stellen als die geteilten Werte so auf die Fakten zu projizieren, dass Letztere sich ins eigene Weltbild einfügen. 

Diesem Umstand, so die Autoren, wird man auch mit Bildung nicht begegnen können. Für die These führen sie zwei empirisch fundierte Argumente an. Zum einen hätten psychologische Untersuchungen hinreichend häufig gezeigt, dass mehr Bildung eben nicht dafür genutzt werde, unvoreingenommener zu erkennen. Vielmehr besäßen besser Gebildete ein besseres Rüstzeug, um Fakten mit ihren fundamentalen Wertvorstellungen in Einklang zu bringen. Bildung bringt Menschen also, mit anderen Worten, nicht in erster Linie bei, die Welt akkurat zu erkennen. Sie ermöglicht es vor allem, die Welt so zu sehen, dass sie den eigenen Werten entspricht. 

Zum anderen, so Marietta und Barker, befänden sich die Bildungsinstitutionen in einer Krise. Ihnen werde von einem Gutteil der US-Amerikaner*innen kein Vertrauen mehr entgegengebracht. Sie würden stattdessen als parteiische Institutionen wahrgenommen. Diese Haltung fände sich vor allem unter Anhänger*innen der Republikaner. Mehr als die Hälfte dieser Gruppe ist der Überzeugung, dass universitäre Forschung zu gesellschaftlich umstrittenen Themen wie Klimawandel und Rassismus vermutlich falsch seien.

Mindestens der letztgenannte Befund lässt sich nicht umstandslos auf andere Länder übertragen, in denen die Wissenschaft teilweise nach wie vor großes Ansehen genießt. Für Menschen, die mehr Bildung als probatestes Mittel gegen Polarisierung und Radikalisierung begreifen, sind die Befunde von Marietta und Barker nichtsdestotrotz alles andere als ein Anlass zur Freude. Wie eine bessere Bildung von denen, die sie genießen, gebraucht wird, können Bildungsinstitutionen nicht beeinflussen. Wenn sich der für moderne Gesellschaften charakteristische Wertepluralismus tatsächlich zu einem Antagonismus zwischen Weltbildern entwickeln sollte, dann besteht sicherlich Grund zur Beunruhigung. In diesem Fall würden die Kosten einer Weltwahrnehmung, die nicht ins Weltbild passt, weiter steigen – und somit die Anreize, die Bildung eher dazu zu nutzen, die eigenen Werte auf die Fakten zu projizieren. Dass dies beinahe immer möglich ist, liegt in der Natur der Sache, denn: Entgegen der landläufigen Meinung sprechen Fakten eben sehr selten für sich.

Das klingt alles sehr düster. Aber statt die eigenen Werte auf die von Marietta und Barker präsentierten Fakten zu projizieren, sollten wir eher innehalten, wenn wir das nächste Mal denken: „Also, so kann man das aber nicht sehen!“

Fußnoten
2

Morgan Marietta, David C. Barker: One Nation, Two Realities. Dueling Facts in American Democracy. Oxford University Press, New York 2019, S. 9.

Ebd., S. 89.

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Die Frage, die ich mir stelle ist: welchen Bildungsbegriff setzen Marietta und Barker an? Wenn es nur darum geht, Fakten einzupauken, würde ich intuitiv bei der Argumentation mitgehen. Aber was ist denn mit kritischem Denken und der good old “media literacy”? Es ist natürlich eine alte Leier, aber ich frage mich schon: würde es nicht helfen, wenn Bildungsinstitutionen junge Menschen darin ausbilden und bestärken, ihre eigenen Wahrnehmungen von Fakten kritisch zu überprüfen und damit einer erkenntnisgeleiteten Wahrnehmung näher zu kommen?

Total 1

Die beiden Autoren haben da, soweit ich mich erinnere, schon einen halbwegs weit gefassten Bildungsbegriff, es geht nicht nur um Sachwissen, sondern auch um politische Bildung. Trotzdem kommen sie zu dem Schluss (mit empirischer Unterstützung – wie belastbar die allerdings ist?), dass diese Bildung in den Dienst der “Werte” gestellt wird.

Ich würde im Gegenteil deine Idee challengen, dass es vor allem “erkenntnisgeleitete Wahrnehmung” wäre, die Abhilfe schaffen könnte, @dennis_yuecel. Für mich liegt die Stärke des Buches (kenne es von früher) gerade darin, dass die Autoren einen gut dosierten Mittelweg zwischen Fakten-Realismus (“man kann erkennen, wie die Dinge wirklich sind, wenn man sich nur bemüht”) und dem radikalen Konstruktivismus finden, von dem @tobias_müller in seinem Intro auch spricht (“alles ist Ansichtssache”). Und das fehlt mir sonst in der politischen Epistemologie und auch in der öffentlichen Debatte. Da finden man eigentlich immer nur diese Extrempunkte: Entweder “Fakten, Fakten, Fakten” oder “alles ist Machtkampf, Interessen, Identitäten”.

Für mich wäre der stärkere Begriff als “Wahrnehmung” (wie bei den Autoren): Interpretation. Natürlich ist der Korridor für taugliche, valide Interpretation je nach “Issue” unterschiedlich weit. Aber selbst beim Klima kann man ja 100% einig über die gemessenen Daten (=Fakten) sein und sogar in den Modellierungen und Szenarien konform gehen, und dennoch zu unterschiedlichen Massnahmen kommen. Die einen sagen “Degrowth”, die anderen “Adaption”, die nächsten “Technology” und so weiter.

In der Philosophie wird dieser Kampf der Epistemologien ja schon seit Jahrtausenden ausgefochten, und es zeigt sich, wie unheimlich schwierig es ist, das jeweils ja durchaus Treffende am Realismus und am Konstruktivismus unter einen Hut zu bringen. Als eine der wenigen schafft das m. E. Susan Haack mit ihrem “Foundheretism”, der “foundation” und “coherence” miteinander in Verhältnis setzt. Ein wenig in diese Richtung – nur politischer, soziologischer, und sozialpsychologischer – geht das ja auch bei Marietta und Barker hier in diesem Buch.

Aber selbst, wenn man mit ihnen mitgeht, bleibt natürlich die Frage: Was tun? Wie kann die Gesellschaft ihren Zusammenhang und ihre produktiven Interaktionen bewahren, wenn “deep disagreements” prinzipiell unvermeidlich sein sollten, selbst bei existenziellen Fragestellungen?

Total 1

Kleine Ergänzung noch: Mir kommt gerade auf Linkedin ein Post von Franz-Alois Fischer unter, der offenbar als Jurist sehr aktiv das Thema Demokratie als Wissenschaftskommunikator bearbeitet. Er schreibt da unter anderem (was m.E. ziemlich genau den “Dueling Fact Perceptions” von Marietta / Barker entspricht):

1. Die schlechte Nachricht: Der öffentliche politische Diskurs in den hashtag#USA ist völlig kaputt. In einem sowieso seit vielen Jahren stark polarisierten und gespaltenen Land haben sich die politischen Lager in der letzten Zeit komplett voneinander entkoppelt. Es gibt keinen Common Ground der politischen Diskussion mehr. Über ein- und dasselbe Ereignis wird auf beiden Seiten komplett unterschiedlich berichtet. Ich meine damit nicht einen politischen Spin oder das Weglassen bestimmter Informationen, um die eigenen Position ins bessere Licht zu rücken. Das wäre noch normales politisches Spiel, wie wir es auch aus unserer Öffentlichkeit kennen. Ich rede davon, dass KOMPLETT UNTERSCHIEDLICHE Versionen kursieren. Medien-Outlets und Influencer auf sozialen Medien sind allesamt Teil dieser Polarisierung. Ein Republikaner hält den Bericht einer liberalen Stimme schon deswegen für falsch, weil sie von einer liberalen Stimme stammt - und vice versa.
Diese Woche findet das erste von zwei Duellen zwischen hashtag#Biden und hashtag#Trump statt. Sie werden zu 100% aneinander vorbei reden und beide Lager werden komplett unterschiedliche Interpretationen dieses Duells bringen.

Link zu seinem Post: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7210863384777400322/

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