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Geschrieben von Tobias Müller

Bei te.ma veröffentlicht 31.05.2024

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/r931-gm36

Geschrieben von Tobias Müller
Bei te.ma veröffentlicht 31.05.2024
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/r931-gm36

Radikale verfolgen nicht notwendigerweise dieselben politischen Ziele oder teilen dieselben Meinungen hinsichtlich spezifischer Sachfragen. Ihre grundlegenden Vorstellungen über die Beschaffenheit der politischen Welt ähneln sich aber. Das unterscheidet sie beispielsweise von Protestwählern.

Zu diesem Ergebnis kommen die Politikwissenschaftler Alberto Stefanelli, Bart Meuleman und Koen Abts auf Grundlage einer repräsentativen Befragung der belgischen Wahlbevölkerung aus den Jahren 2019 und 2020. 

Häufig dreht sich die politikwissenschaftliche Forschung zu radikalen Positionen um individuelle Haltungen zu Politikinhalten. Gefragt wird also beispielsweise nach dem Verständnis von Staatsbürgerschaft, der Ansicht zu Migration oder der Ausgestaltung der Familienpolitik. Stefanelli, Meuleman und Abts lehnen derartige Untersuchungen nicht ab, weisen aber darauf hin, dass die Klassifizierung bestimmter Positionen zu konkreten Sachfragen historisch bedingt ist. Das heißt, dass eine Haltung, die zu einem Zeitpunkt als radikal gilt, zu einem anderen Zeitpunkt als Teil des Mainstream angesehen werden kann. War das Eintreten für politische und soziale Gleichheit schwarzer Menschen in den USA Ende des 18. Jahrhunderts eine radikale Haltung, so ist sie heute eine Mainstream-Position – ungeachtet noch immer existierender Ungleichheiten. Aufgrund dessen richten die Autoren ihr Augenmerk auf eine tieferliegende Ebene, und zwar auf den politischen Raum als solchen. Sie interessieren sich also dafür, wie Menschen politische Prozesse und Strukturen wahrnehmen. Wird Politik beispielsweise als Kampf unvereinbarer Gegensätze wahrgenommen, bei dem es nur Gewinner und Verlierer gibt, oder wird sie als ein Suchen nach Kompromissen begriffen, bei der möglichst alle unterschiedlichen Interessen berücksichtigt werden sollen? Stefanelli, Meuleman und Abts bezeichnen diese Ebene als die ontologische gegenüber der ontischen, die sich spezifischen Inhalten der politischen Auseinandersetzung zuwendet.

Die Autoren machen drei Komponenten einer radikalen Ontologie des Politischen aus: Populismus, Antagonismus und Dogmatismus. Als dogmatisch wird ein Politikverständnis bezeichnet, das den jeweils eigenen Standpunkt absolut setzt – hier gibt es also keinen Raum für Kompromisse. Als antagonistisch begreifen die Autoren Haltungen, die Politik nicht nur als Kampf um politische Macht in einem bestehenden System ansehen, sondern als Auseinandersetzung über das System selbst. Und populistisch ist schließlich ein Blick auf den politischen Raum, der Politik als Auseinandersetzung zwischen zwei Blöcken begreift: Auf der einen Seite „das“ Volk und auf der anderen Seite die Feinde dieses Volkes. 

Alle blöd außer mir

Für die Befragung der Wahlbevölkerung wurden diese drei Dimensionen in einzelne Items übersetzt. Für „Dogmatismus“ etwa wurde die Zustimmung zu den Thesen „Gut und böse lassen sich klar voneinander unterscheiden“, „Die meisten Probleme lassen sich nur mit einer Strategie lösen“ und „Menschen, die mir widersprechen, liegen meist falsch“ abgefragt. 

Im Ergebnis, so die Autoren, ließen sich fünf Profile ausmachen: Ein radikales, ein nicht-dogmatisch radikales, ein nicht-populistisches radikales, ein pluralistisch-antagonistisches und ein moderates („non-radical mainstream“). Letzteres wird von Stefanelli, Meuleman und Abts noch einmal in zwei Subkategorien unterteilt, das systembefürwortende und das unzufrieden moderate Profil. Moderate und Radikale bilden die zwei Endpunkte. 

Während radikale Menschen in allen drei Dimensionen überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte aufweisen, liegen diese bei den systembefürwortenden Moderaten unter dem Durchschnitt. Die unzufriedenen Moderaten stimmen in der Populismus-Dimension minimal überdurchschnittlich zu, auf den anderen beiden Ebenen leicht unterdurchschnittlich. Die drei verbleibenden Profile zeichnen sich dadurch aus, dass in jeweils zwei Dimensionen überdurchschnittliche Zustimmung gemessen werden kann. Nicht-dogmatische Radikale sind durch hohe Zustimmungswerte in den Bereichen Populismus und Antagonismus und vergleichsweise niedrige im Bereich Dogmatismus gekennzeichnet. Menschen mit diesem Profil sind also trotz eines schematischen schwarz-weiß-Denkens dazu bereit, Kompromisse einzugehen. 

Die am weitesten verbreiteen Profile sind die systembefürwortenden und unzufriedenen Moderaten. Auf sie entfallen rund 50 Prozent der belgischen Bevölkerung. Das heißt im Umkehrschluss allerdings, dass sich etwa die Hälfte des belgischen Wahlvolks mit Blick auf die ontologische Ebene jenseits des liberaldemokratischen Mainstream verorten lässt. Immerhin 17 Prozent besitzen, mit anderen Worten, ein radikales politisches Weltbild, stimmen also in allen drei Dimensionen überdurchschnittlich nachdrücklich zu.

Die Untersuchung hat eine Reihe von Implikationen für politische Akteur*innen, insbesondere für Spitzenpolitiker*innen und Parteien. Wie Stefanelli, Meuleman und Abts betonen, müsse man sich von der Annahme verabschieden, es handele sich bei Radikalen lediglich um Menschen, die im Prinzip wie Moderate denken, aber bezüglich einzelner politischer Inhalte radikalere Positionen vertreten. Vielmehr, so die Autoren, seien sie eine klar vom Mainstream zu unterscheidende Gruppe, und zwar nicht lediglich hinsichtlich politischer Präferenzen, sondern mit Blick auf ein ganz grundsätzliches Verständnis des politischen Raums. Sollten sich diese Befunde erhärten, dann scheinen radikalere politische Positionen – etwa im Bereich der Einwanderungs- oder der Familienpolitik – nicht dazu geeignet, Menschen zu entradikalisieren. Denn laut Stefanelli, Meuleman und Abts liegen die eigentlich radikalen Überzeugungen auf einer ganz anderen Ebene, die vom politischen Alltagsbetrieb weitgehend entkoppelt ist. 

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