Hera Shokohi introduces

The Postcolonial Is Not Enough

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Yaroslav Hrytsak2022 Ukraine: Krieg
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The Postcolonial Is Not Enough

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Introduction

Written by Hera Shokohi

Published to te.ma 12.12.2022

te.ma DOI 10.57964/4wrz-2453

Written by Hera Shokohi
Published to te.ma 12.12.2022
te.ma DOI 10.57964/4wrz-2453

War die Ukraine eine Kolonie und lassen sich ihre Beziehungen zu ihren historischen Nachbarn als koloniale Asymmetrie beschreiben? Yaroslav Hrytsak stellt fest, dass die Geschichte der Ukraine sich nicht durch koloniales Vokabular wiedergeben lässt.

Die Ukraine entziehe sich jeglichen Dichotomien: Zentrum/Peripherie, Unterdrücker/Unterdrückte, modern/rückständig, so der Historiker Yaroslav Hrytsak. In seinem Aufsatz The Postcolonial Is Not Enough thematisiert er die Anwendung der postkolonialen Theorie auf die Geschichte der Ukraine und ihrer Nachbarländer.

Hrytsak stellt klar, dass man den Begriff der Kolonie mit Vorsicht verwenden sollte. Die Ukraine als Kolonie zu bezeichnen, entspräche nicht der Art, wie historische Akteure die Ukraine betrachteten. Die Ukraine, die in ihrer Geschichte stets zwischen russischer und polnischer Hegemonie stand, wurde sowohl in der polnischen als auch in der russischen Geschichte als ein zentraler Teil des jeweils eigenen Herrschaftsgebiets gesehen. Gerade Kyijw und die Zentralukraine galten etwa für die russischen Machthaber als Kern der russischen Länder – denn die Kyjiwer Rus wurde als gemeinsamer Ursprung der slawischen Völker gesehen. In der neuesten Geschichte habe die sowjetische Ukraine, so Hrytsak, die Rolle des „jungen Bruders“ Russlands eingenommen. 

Hrytsaks Aufsatz ist eine Antwort auf die These des US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, wonach die Ukraine von 1933-1945 der gefährlichste Ort auf der Welt war.1 Hrytsak behauptet wiederum, dass die Ukraine auch in anderen Zeiträumen für bestimmte Bevölkerungsgruppen ein gefährliches Terrain war. Da die Ukraine ein vielfach umkämpftes Grenzgebiet für verschiedene Imperien darstellte, könne sie nicht als Kolonie gelten, so Hrytsak. Snyders These, dass nur eine bestimmte Phase der ukrainischen Geschichte gefährlich gewesen sei, blende zudem andere Machtkämpfe und Gewaltdynamiken in der Region aus. Wenn man den Begriff der Kolonie auf die Ukraine anwenden möchte, so sei dies nur im Kontext der Habsburger-Herrschaft passend. Unter den Habsburgern wurde die Ukraine als peripheres Gebiet gesehen, das wirtschaftlich ausgenutzt wurde. 

Aus der historischen Betrachtung heraus nimmt die Ukraine also immer wieder spezielle Rollen ein, weshalb sie sich auch den üblichen Dichotomien des Kolonialvokabulars entzieht. Diese Begriffe heben zumeist radikale Asymmetrien hervor, die Hrytsak im Fall der Ukraine nicht gegeben sieht.

Footnotes
1

Timothy Snyder: Integration and Disintegration. Europe, Ukraine and the World, in: Slavic Review Band 74, Heft 4, S. 695-707, Cambridge 2015.

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Dichotomie (altgriechisch) bedeutet Zweiteilung. Eine Zweiteilung kann zum Beispiel ein Begriffspaar sein -- es muss sich aber nicht um gegenteillige Begriffe handeln, es können auch ergänzende Begriffe sein.

Postkolonialismus entwickelte sich im 20. Jahrhundert während der kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Imperialismus. Forschungsgegenstände der postkolonialen Theorie sind unter anderem das Verhältnis von Kolonien zu Kolonialmächten sowie deren Entkopplungsprozesse.

Die Kyjiwer Rus war ein mittelalterliches Großreich auf den Territorien des heutigen Russland, Belarus und der Ukraine. Während der Rurikiden-Dynastie war Kyjiw der Hauptsitz des Großfürsten. Im 13. Jahrhundert zerfiel das Reich aufgrund von mongolischen Angriffen. Bis heute spielt das Erbe der Rus eine große Rolle: Sowohl Russland, als auch Belarus und die Ukraine bezeichnen die Kyjiwer Rus als den Ursprung ihrer Staatlichkeit.

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