Hera Shokohi stellt vor:

Sprache und das Trauma der Befreiung

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Sprache und das Trauma der Befreiung

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Geschrieben von Hera Shokohi

Bei te.ma veröffentlicht 20.10.2022

Geschrieben von Hera Shokohi
Bei te.ma veröffentlicht 20.10.2022

Der Kulturwissenschaftler Gasan Gusejnov analysiert in seinem Aufsatz die psychoanalytischen Aspekte der russischen Politiksprache. Er kommt zum Schluss, dass diese maßgeblich von der Verdrängung historischer Traumata geprägt ist.

Trauma und Sprachgebrauch gehen Hand in Hand, so der aserbaidschanisch-russische Historiker und Altphilologe Gasan Gusejnov in seinem erstmals 2008 erschienenen Text. Er bringt das Problem des postsowjetischen Russland auf eine Formel: Die Menschen in Russland hätten nie die Möglichkeit gehabt, ihre Opfer zu betrauern. Diese „nicht vollzogene Beweinung der Toten“ sei der Kern des Traumas der postsowjetischen russischen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 beweist Gusejnovs Aufsatz seine Aktualität und bietet auch einen Ansatz, um zu verstehen, warum die russische Gesellschaft größtenteils apathisch auf den Krieg reagiert hat. 

Die russische Gesellschaft sei so stark mit ihrem eigenen Statusverlust und der neuen Ordnung der postsowjetischen Welt beschäftigt, dass sie blind gegenüber den Lebens- und Leidensrealitäten anderer Nachfolgestaaten sei, so Gusejnov. Die Tatsache, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht als Befreiung, sondern als Kapitulation oder Niederlage gesehen werde, sei auch der Grund für die ablehnende Haltung gegenüber der Ukraine. Die Ukraine, die jahrhundertelang mit dem Russischen Reich und der Sowjetunion verflochten war, hat sich für eine Unabhängigkeit von Russland entschieden. Auch die Mehrsprachigkeit und Multinationalität des Landes sei für russische UdSSR-Nostalgiker ein Dorn im Auge, weil sie als Sinnbild für die Abgrenzung von der russisch-sowjetischen Hegemonie wahrgenommen werden. 

Für seine Analyse der zeitgenössischen russischen Gesellschaft greift Gusejnov auf die berühmt gewordene Studie Die Unfähigkeit zu trauern (1967)1 von Alexander und Margarete Mitscherlich zurück, in der die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland mittels Psychoanalyse untersucht wurde.  Die Zusammenführung von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse bietet drei interessante Ansätze: historische Biographieforschung (unbewusste psychologische Motive historischer Persönlichkeiten), Tiefenhermeneutik und Subjektwissenschaft (Einblick in das Welt- und Selbstverständnis des Individuums generell) und analytische Sozialpsychologie (ein Brückenschlag vom Individuum zum Kollektiv). Letzteres kann zu Erkenntnissen über historische Besonderheiten in kollektiven Handlungs- und Deutungsmustern führen. Gusejnov verwendet den dritten Ansatz, die analytische Sozialpsychologie, und untersucht den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte und kollektivem Trauma.

Dieses kollektive Trauma der russischen Gesellschaft habe sich vor allem in der Sprache niedergeschlagen, so Gusejnow. Gängige Begriffe der russischen Politiksprache seien zu „Schlüsselwörtern des historischen Augenblicks“ geworden und entfalten eine eigene Bedeutung: „Größte geopolitische Katastrophe“, „Chaos der 1990er“, „Erhebung von den Knien“ seien Ausdrücke, die den Untergang der Sowjetunion beschreiben, die allerdings den Fokus von dem echten erlebten Trauma verschieben. Das echte Trauma – die jahrzehntelange Unterdrückung, die Vernichtung verschiedener Bevölkerungsgruppen, die Deportationen und die Repressionen – sei ersetzt worden durch „die größte geopolitische Katastrophe“, den Zerfall der Staatsmaschine.

Fußnoten
1

 Alexander Mitscherlich, Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. 26. Auflage. München 2016.

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