Englisch und die Kunst der jugendlichen Identitätsbildung

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Doni Ebongue, Rebeca Nash2021
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Englisch und die Kunst der jugendlichen Identitätsbildung

»The impact of English as a second language in the construction of youth identity in Europe«

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Geschrieben von Julian Andrej Rott

Bei te.ma veröffentlicht 02.01.2024

Geschrieben von Julian Andrej Rott
Bei te.ma veröffentlicht 02.01.2024

Über Sprachmischung wird häufig in ziemlich negativem Licht berichtet. Besonders für Menschen zwischen 13 und 18 Jahren ist die Sprachmischung aber quasi vorprogrammiert, denn neben ihren Muttersprachen ist Englisch mittlerweile allgegenwärtig. Die angehenden Linguist*innen Dony Ebongue und Rebeca Negash von der Universität Lausanne gehörten bis vor Kurzem nicht nur selbst zu dieser Altersgruppe. Sie haben auch den soziolinguistischen Forschungsstand zur Rolle der Weltsprache im Selbstbild der jungen Generation Europas zusammengefasst und im Rahmen einer Seminararbeit als Blog veröffentlicht.

Aus sprachkonservativer Perspektive kann man die Angst vor zu viel Englisch nachvollziehen: Statt eine Sprache in all ihren Möglichkeiten zu nutzen, springen Sprecher*innen zwischen den Systemen hin und her. Monolingual gedacht verliert die Sprache dadurch in bestimmten Lebensbereichen an Boden. Die Lausanner Junglinguist*innen stellen aber fest: Englisch ist kein monolithischer Player, der die Muttersprachen ersetzt. Stattdessen finden sich im Repertoire der Jugendlichen differenzierte Systeme der Sprachmischung, mit denen sie sich in einem zusehends multilingualen Umfeld positionieren.

Auf junge Menschen in Ländern wie Frankreich, Finnland, Deutschland und Dänemark strömt das Englische gleich auf mehreren Kanälen unaufhaltsam ein, zeigen die Studien. Aus dem Bildungsbereich und der Arbeitswelt ist die englische Sprache mittlerweile kaum mehr wegzudenken: Vielerorts lernen Kinder sie bereits in der Grundschule, während Studierende einiger Fächer bereits verhandlungssichere Sprachkenntnisse mitbringen müssen, die auch im Job immer häufiger vorausgesetzt werden. Englisch als Indikator für Kompetenz in der Erwachsenenwelt. Parallel konsumiert die heranwachsende Generation in nie dagewesener Fülle Inhalte auf Englisch, sowohl in sozialen Netzwerken als auch in Videospielen und über Streamingdienste. Englisch ist somit auch eine Sprache der Freizeit – und nicht zuletzt der Beziehungen: Viel persönlicher Austausch, besonders mit internationalen (Online-)Bekanntschaften und auf Reisen, findet auf Englisch statt.

Da die Jugend eine Zeit besonders intensiver Identitätsfindung ist – die auch eine stark innovative sprachliche Dimension hat –, ist es kein Wunder, dass sich der überall präsente Multilingualismus in den Sprechweisen junger Menschen niederschlägt. Es wird gruppenstiftend gecodeswitcht, geteilte Memes, Phrasen und Idiome sind auf Englisch. Im gemeinsamen Gebrauch der Fremdsprache erschafft die geteilte Kompetenz Zusammenhalt. Dabei bleibt auch ein Einfluss des schulischen Englisch nicht aus: Institutionen setzen die Standards, an denen sich diese Kompetenz misst. Wer also mit dem Standard brechen will, stärkt seine Position, wenn er diesen gut kennt. So kann sich das Mehr an Kontakt mit der englischen Sprache im privaten Umfeld auf den Erwerb der berufsrelevanten Sprachkompetenz auswirken – wenn dieser Effekt auch in den Studien als eher klein eingeschätzt wird – und umgekehrt können standardsprachliche Normen im privaten Umfeld als Signale für Weltgewandtheit und Bildungsgrad bedient werden.

Ebongue und Negash bemerken, dass Untersuchungen dieser Art auch ihre Grenzen haben. Besonders die Weiterentwicklung und Verbreitung des World Wide Webs führe zu einer steigenden Bereitstellung von nicht-englischem Content, sodass die Rolle des Englischen als „Sprache des Internets“ nicht in Stein gemeißelt sei. Die Autor*innen erkennen ebenfalls an, dass die von ihnen untersuchte Dynamik ein gewisses Niveau an Sprachkenntnissen voraussetzt, das weder zwischen Ländern noch innerhalb einer Generation uniform gegeben ist. Mit der wachsenden Präsenz des Englischen beschreiben sie jedoch eine Entwicklung, deren Ausmaß neu ist und nicht den Anschein macht, abzuebben. Offen bleibt die Frage, wie sich die Beziehung zwischen „Schulenglisch“ und „Freizeitenglisch“ in Zukunft entwickeln wird. Für Bildungseinrichtungen stellt der vermehrte private Fremdsprachengebrauch schließlich eine unverkennbare Ressource dar. Insgesamt zeigt die Forschung, dass Englisch nicht mehr nur eine Schulsache ist, sondern einen tiefgreifenden Einfluss auf die Jugendlichen in Europa hat, ihre Sprache prägt und ihre Identität formt.

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Sprecher*innen wechseln innerhalb eines Dialogs zwischen mehreren Sprachen.

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