Wie kann die Wirtschaft nachhaltiger werden?

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Dirk Arne Heyen, Carl-Otto Gensch, Martin Gsell, et al.2022

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Geschrieben von Matthias Karlbauer

Bei te.ma veröffentlicht 21.04.2023

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/yhj7-sw42

Geschrieben von Matthias Karlbauer
Bei te.ma veröffentlicht 21.04.2023
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/yhj7-sw42

Der Ruf nach Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist heute allgegenwärtig. Weniger konsumieren, weniger Schadstoffe ausstoßen, mehr Biodiversität. Kurzum, den Planeten retten. Neben der ökologischen Nachhaltigkeit sieht Dirk Arne Heyen vom Öko-Institut jedoch auch die Notwendigkeit einer ökonomischen Nachhaltigkeit und nimmt verschiedene deutsche Wirtschaftsbereiche unter die Lupe. Als Ergebnis präsentiert er einen Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Die Klimakatastrophe abwenden – ein elfköpfiges Team aus Mitarbeitenden des Öko-Instituts und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung hält das für möglich. Dabei spiele bei der Bewahrung der Umwelt besonders die Transformation der Wirtschaft eine maßgebliche Rolle.

So werde sich den Autoren zufolge in dieser Dekade entscheiden, ob die Menschheit „den Klimawandel noch auf ein beherrschbares Maß begrenzen“ kann oder ob so genannte Kipppunkte ökologischer Systeme mit unabsehbaren Folgen überschritten werden. Außerdem würden einzelne Maßnahmen heute nicht mehr ausreichen. Stattdessen sei „ein Wandel unserer gesamten Wirtschaft erforderlich“, so die Forscher.

Bei diesem Strukturwandel, der die Wirtschaft in einen klimaneutralen und ressourcenschonenden Sektor transformiert, müsse jedoch auch der Wohlstand für zukünftige Generationen gesichert werden. Ein Spagat, der gelingen soll, indem Produktionsverfahren „proaktiv, partizipativ und sektorübergreifend“ umgestellt werden.1

Doch welche wirtschaftlichen Bereiche müssen überhaupt umgestellt werden? Die Autoren beschreiben drei Typen industrieller Prozesse, die grundlegende Umstellungen erfordern werden:

Ressourcenbezogener Strukturwandel: Er bezieht sich auf die Verknappung und Verteuerung von Rohstoffen. Betroffen sind Unternehmen mit einem hohen Bedarf an (seltenen) fossilen Ressourcen.

Produktionstechnisch bedingter Strukturwandel: Dieser äußert sich in produktionsseitig hohem Energiebedarf oder Schadstoffausstoß. Das betrifft etwa die Stahlindustrie oder Zementherstellung mit CO2 als prozessbedingtem Abfallprodukt.

Produktbedingter Strukturwandel: Er umfasst ökologisch bedenkliche Endprodukte, die während der Nutzung Schadstoffe ausstoßen. So tragen beispielsweise Autos auch nach ihrer Herstellung zum CO2-Ausstoß bei.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass verschiedene Branchen unterschiedlich stark vom notwendigen Strukturwandel hin zu einer „Green Economy“ betroffen sein werden. In einem Branchen-Screening identifizieren die Autoren dabei vier Bereiche, die von einer Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften besonders betroffen sein werden:

  1. Die Energiewirtschaft steht aufgrund ihres fossilen Ressourcenverbrauchs und der damit einhergehenden Treibhausgasemissionen unter Änderungsdruck.

  2. Ähnliches gilt für die Fahrzeugindustrie. Neben Ressourcenverbrauch und Emissionen sorgt ein weiterer Faktor für Reformbedarf: die immensen Flächen, die geparkte Autos in Anspruch nehmen.

  3. Auch die Chemie- und Pharmaindustrie muss sich zum Teil neu aufstellen, bedingt durch ihren fossilen2 Ressourcen- und Wasserverbrauch sowie ihre Vulnerabilität gegenüber Biodiversitätsverlusten.

  4. In der Landwirtschaft entsteht die Notwendigkeit zum Umsteuern aufgrund von Boden- und Gewässerbelastung, Flächeninanspruchnahme sowie ihrer Vulnerabilität gegenüber Biodiversitätsverlusten, Klimawandel und Wasserknappheit.

Lösungsvorschläge für die Energiewirtschaft und Automobilindustrie werden in dem Papier in Form der Nutzung grünen Wasserstoffs und des Wandels zur Elektromobilität geäußert. Offen bleibt jedoch, wie die Anfälligkeit der Chemie- und Pharmaindustrie sowie der Landwirtschaft gegenüber Biodiversitätsverlusten verringert werden kann.

Den enormen Aufwand, bestehende Industrieprozesse in eine nachhaltige Wirtschaft zu überführen, rechtfertigen die Autoren mit drei Argumenten: Erstens könne „in der Summe von einer positiven Wirkung auf Wirtschaft und Beschäftigung“ ausgegangen werden.3 Zweitens sei es „volkswirtschaftlich langfristig günstiger, einen erheblichen Klimawandel zu vermeiden, als mit seinen Auswirkungen umgehen zu müssen“.4 Und drittens werden auch Umwelt- und Gesundheitsvorteile erwartet.

Das heißt, der Weg in eine nachhaltige Wirtschaft geht sowohl mit ökologischen als auch sozialen Nachhaltigkeitsbestrebungen einher. Das betonen die Autoren unter Berufung auf die Agenda 2030 der Vereinten Nationen und den European Green Deal der EU, die von einer gerechten Transformation sprechen, die niemanden zurücklässt. Diese hohen Ideale sollen bedient werden, indem vom Strukturwandel besonders stark betroffene Unternehmen bei der Transformation unterstützt und Arbeitskräfte umgeschult werden. Der Fokus neuer Investitionen müsse darüber hinaus auf innovativen und zukunftsfähigen Ideen liegen.

Der Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft kann also gelingen, auch wenn er einigen Branchen enorme Transformationen abverlangt. Am Ende dieser Umbauprozesse erwartet uns jedoch eine Wirtschaft, die nicht auf der Ausbeutung planetarer Ressourcen beruht und Diskriminierung verstärkt, sondern soziale Gleichberechtigung fördert und einen Gewinn im Erhalt der Ökosysteme und Umwelt sieht.

Fußnoten
4

Bereiche, die Umstellungen erfordern, müssen frühzeitig identifiziert werden, um Maßnahmen rechtzeitig einleiten zu können. Damit sollen Fehlinvestitionen in klimaschädliche und ressourcenhungrige Verfahren vermieden werden.

Speziell in der Chemieindustrie gilt Erdöl als Grundbaustein zahlreicher Kunststoffprodukte.

 Die Autoren beziehen sich dabei auf folgende drei Veröffentlichungen, die wirtschaftliche Chancen in einer Green Economy erkennen:

International Labour Office (Hrsg.): World employment and social outlook 2018: Greening with jobs. Geneva 2018; Helen Mountford et al.: Unlocking the inclusive growth story of the 21st Century: accelerating climate action in urgent times. Global Commission on the Economy and Climate 2018; OECD (Hrsg.): Investing in Climate, Investing in Growth. OECD Publishing, Paris 2017, ISBN 978-92-64-2735-1.

Die Autoren beziehen sich auf folgende zwei Quellen, welche die Kosten durch Umweltschäden mit jenen eines vorsorglichen Umweltschutzes kontrastieren:

IPCC: Climate Change 2018: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge 2014; Nicholas Stern: The Economics of Climate Change: The Stern Review. Cambridge University Press, Cambridge 2006.

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Ein Kipppunkt ist im Erd- und Klimasystem ein kritischer Grenzwert, an dem eine kleine zusätzliche Störung zu einer qualitativen Veränderung im System führen kann. Sie ist oft abrupt und unumkehrbar.

Die Green Economy (Grüne Wirtschaft) wird vom UN Umweltprogramm explizit beworben und steht für die Transformation in eine sozial inklusive, effiziente und kohlenstoffarme Wirtschaft.

Quelle:
https://www.unep.org/explore-topics/green-economy

 Grüner Wasserstoff wird ausschließlich mittels erneuerbarer Energien gewonnen und gilt als klimaneutral. Daneben existieren zahlreiche Verfahren, um blauen, grauen, türkisenen, gelben, pinken und roten Wasserstoff herzustellen. Diese Verfahren greifen jedoch auf fossile oder atomare Energiequellen zurück und sind nicht klimaneutral.

 In der Agenda 2030 verständigten sich die Vereinten Nationen im Jahr 2015 auf ein neues politisches Ideal, das sich einer nachhaltigen Entwicklung verschreibt. Als Resultat wurden 17 nachhaltige Entwicklungsziele für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt veröffentlicht (engl. sustainable development goals, häufig abgekürzt als SDG). Neuartig daran ist ein ganzheitlicher Ansatz unter Einbeziehung von Schwellen- und Entwicklungsländern.

Quelle:
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/agenda-2030-355966

Im European Green Deal formulierte die EU 2021 das Ziel, Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 zu erreichen. Dafür sollen Treibhausgasemissionen massiv reduziert und Investitionen in die Spitzenforschung angeschraubt werden.

Quelle:
https://climate.ec.europa.eu/eu-action/european-green-deal_en

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Vielen Dank für diese schöne Zusammenfassung des Papers!

Ich frage mich, ob der Begriff Strukturwandel in Kontext der beschriebenen Ziele angebracht ist. Nach meinem Verständnis wird ja nicht gefordert, die grundlegende Struktur unserer Wirtschaft zu verändern. Im Gegenteil wird die Struktur, was ich in dem Fall als die kapitalistische Ausrichtung unserer Wirtschaft (mit den Beschränkungen einer sozialen Marktwirtschaft) verstehen würde, beibehalten und die Veränderung der Rahmenbedingungen für die Prozesse innerhalb der Wirtschaft vorgeschlagen, sodass die strukturell gleiche Wirtschaft dazu “gezwungen” wird, nachhaltig zu funktionieren.

Ich kann sehen, dass das, gegeben der Rahmen wird perfekt abgesteckt, logisch zu einer nachhaltigen Wirtschaft führt, sehe aber nicht, wie andere strukturelle Probleme unserer Wirtschaft, wie z.B. die angesprochene soziale Gerechtigkeit, damit (abgesehen von verminderten Nebeneffekten der Klimakrise) angegangen werden, wie es im Text behauptet wird.

Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob am Ende des Textes im letzten Paragraphen wirklich der Schluss gezogen werden kann, dass “also der Wandel gelingen kann”. Mir hat sich das aus den vorigen Beschreibungen nicht wirklich ergeben. Natürlich muss er irgendwie gelingen, wenn wir so weiterleben wollen wie bisher, aber ich verstehe noch nicht, warum die Maßnahmen, die beschrieben werden, sich zwangsläufig (in kapitalistischen Strukturen) auch so umsetzen lassen, dass sie wirkungsvoll langfristig funktionieren, nur weil sie notwendig wären.

Total 2

Ich schließe mich dir an, dass die soziale Gerechtigkeit im Kontext des beschriebenen Strukturwandels nicht ausführlich berücksichtigt wird. Mir ist unklar, wie sie laut Text gewährleistet wird, besonders hinsichtlich möglicher Automatisierung, die einerseits Ressourcen schonen könnte und andererseits die Zahl der Arbeitsplätzen reduzieren kann.

Deine Kritik am Begriff “Strukturwandel” finde ich nachvollziehbar. Allerdings kann sich der Begriff ja auch auf andere Strukturen als das wirtschaftliche System beziehen, wie z.B. die von dir erwähnten Prozesse innerhalb unseres wirtschaftlichen Systems.

Total 2

Ein weiterer Aspekt, der in der ursprünglichen Publikation angesprochen wird, ist die Schwierigkeit, wie sich ein solcher Strukturwandel international umsetzen lässt. Zum Beispiel bestehen die Gefahren, dass man die ressourcenintensive Produktion ins Ausland verlagert bzw. durch Importe kompensiert und die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern, die ihre Wirtschaft radikal verändern, unsicher ist. Außerdem interessant ist die Rolle von international agierenden Konzernen; stellen diese ihre Produktion nur in einigen Ländern um, oder ziehen sie sich aus diesen Ländern zurück? Was sind die Auswirkungen?

Total 3

Aus meiner Sicht hat sich der Großteil der deutschen Bevölkerung - aufgrund einer funktionierenden Wirtschaft - an den Wohlstand hierzulande gewöhnt. So kann ich die Zielsetzung, den Wohlstand für zukünftige Generationen trotz einem notwendigen Strukturwandel zu sichern, absolut nachvollziehen.

Doch um diesen Strukturwandel der Wirtschaft vollbringen zu können, müssen große Umstellungen durchgeführt werden. Diese Umstellungen führen zu Einschränkungen.

Nehmen wir als Beispiel den Wandel zur Elektromobilität: Nach aktuellem Stand ist die Akku-Kapazität und Reichweite elektrischer Autos nicht auf dem Level wie Autos mit Verbrennungsmotoren. Hier müssen wir aktuell bei einem Umstieg mit Einschränkungen der Reichweite rechnen.

Ich glaube, aufgrund der sich anbahnenden Klimakatastrophe und der Dringlichkeit, Maßnahmen zu ergreifen, müssen wir als Bevölkerung lernen, gewisse Einschränkungen in Kauf zu nehmen und auf gewisse Teile unseres Wohlstandes zu verzichten (vielleicht war ja sogar unser Wohlstand, wir wir ihn in Deutschland kennen, nur möglich auf Kosten einer nicht-nachhaltigen Wirtschaft).

Nach meinem Empfinden sind große Teile der jüngeren Generation durchaus bereit, Einschränkungen auf sich zu nehmen. Daher würde ich mir wünschen, dass nun auch die Wirtschaft notwendige Schritte geht und den Strukturwandel zielstrebiger und tatkräftiger umsetzt.

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