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Sprachpraxis und feministische Sprachkritik: Zu einer sprachlichen Sonderentwicklung in Ostdeutschland

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Sprachpraxis und feministische Sprachkritik: Zu einer sprachlichen Sonderentwicklung in Ostdeutschland

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Introduction

Written by Martin Krohs

Published to te.ma 12.12.2022

te.ma DOI https://doi.org/10.57964/tejc-j018

Written by Martin Krohs
Published to te.ma 12.12.2022
te.ma DOI https://doi.org/10.57964/tejc-j018

„Meine Tochter ist Ingenieur“ – das war, so meint man es im Ohr zu haben, der sprachliche Standard in der DDR. Die Untersuchung der Linguistin Kirsten Sobotta zeigt aber: Seit den 1950er Jahren wurde auch im Osten Deutschlands über weibliche Wortformen diskutiert, sowohl in der Linguistik als auch in der Presse. Die Lehrerin war eine Selbstverständlichkeit, die Direktorin keine Seltenheit.

Unmittelbar vor der Wiedervereinigung lag die Erwerbsquote von Frauen in Ostdeutschland bei 91%, in Westdeutschland betrug sie nur 51%. Auch wenn die Ungleichheit in der Berufshierarchie stark blieb und die meisten Frauen durch Haushaltsarbeit doppelt belastet waren: In der beruflichen Gleichstellung war die DDR dem Westen voraus

Und ausgerechnet in diesem in Sachen Geschlechterrollen fortschrittlicheren Deutschland sprach man von „Frau Direktor“ und „Frau Minister“ – und meinte damit nicht die Gattinnen der hochgestellten Herren? Das sollte einem dann ja in der heutigen Diskussion um Feminin-Formen, Gendersterne und Glottisschläge zu denken geben. Wenn es so gut geht ohne sie – wo liegt dann ihr Gewinn?

Kirsten Sobotta hat sich bereits 2002 relevante Auszüge des ostdeutschen Schriftkorpus der 1950er bis 1980er Jahre angesehen und kommt zu dem Schluss: So eindeutig maskulin-generisch war der Sprachgebrauch in der DDR gar nicht. Im Zentrum ihrer Untersuchung stehen einerseits Quellen aus der öffentlichen Linguistik – die Zeitschrift Sprachpflege sowie eine verbreitete Grammatik –, andererseits der Sprachgebrauch in der Presse anhand der Köthener Regionalzeitung Freiheit. Denn derartige lokale Publikationen mussten zwar ideologiekonforme Leitbilder vermitteln, in ihnen spiegelte sich aber auch der alltägliche Sprachgebrauch wider.

In der Zeitschrift Sprachpflege gab es in den 1950er und 1960er Jahren eine rege Diskussion um das Genus von Berufsbezeichnungen, an der sowohl Sprachwissenschaftler als auch Laien teilnahmen. In einem Beitrag eines (männlichen) Lesers heißt es 1956: „Kein Schulkind würde von seinem ‚Lehrer‘ sprechen, wenn es seine ‚Lehrerin‘ meint. [...] Bei dem Einwand, man wolle durch geschlechtslose Bezeichnungen im Beruf die Gleichberechtigung der Geschlechter ausdrücken, handelt es sich um einen Trugschluß. [...] Wenn man sie für weibliche Personen verwendet, so liegt keine Gleichbewertung, sondern eine unbewußte Minderbewertung des weiblichen Geschlechts darin.“ Ein anderer (ebenfalls männlicher) Leser hielt 1961 dagegen: „Als Folge der Gleichberechtigung von Mann und Frau ziehen viele Frauen männliche Berufsbezeichnungen den weiblichen vor.“ 

Die Redaktion selbst resümierte 1963 zugunsten des Anliegens, mehr weibliche Formen zu verwenden: „Wenn offiziell dokumentiert wird, daß die weibliche Sprachform keine Zurücksetzung der Frau gegenüber dem Mann ausdrückt, so wird auch das Bedenken immer mehr zurücktreten, sprachlich richtige weibliche Dienstbezeichnungen und Ehrentitel im offiziellen Sprachgebrauch zuzulassen.“ Die metasprachliche Ebene sollte es also richten: Wenn allen klar wird, dass die Endung „-in“ nicht als Benachteiligung zu verstehen ist, dann könne man sie auch ohne Bedenken verwenden.

Oder weiterverwenden? Denn in der Sprache vorhanden waren die weiblichen Formen ja sowieso. Dass ein ständiges Tauziehen um ihre Verwendung oder Nichtverwendung stattfand, darauf weist auch der Linguist Wilhelm Schmidt in seinen Grundfragen der deutschen Grammatik (1965) hin, einem Standardwerk insbesondere für den Deutschunterricht in der DDR: „In unserer Gegenwartssprache greift in den letzten Jahren eine Entwicklung um sich, die viel diskutiert wird und recht umstritten ist; das ist die Unterdrückung des femininen Genus bei Berufsbezeichnungen und Titeln. [...]. Das Vordringen dieses Sprachgebrauchs bedeutet zweifellos eine Verarmung der Ausdruckskraft unserer Sprache; es führt vielfach zu Härten im Ausdruck und zu logischen Absonderlichkeiten, [...] und es ist obendrein in Wahrheit gerade nicht der Ausdruck der Gleichberechtigung der Frau, sondern eher das Gegenteil davon.“

Hier ist von einer Unterdrückung des femininen Genus bei Berufsbezeichnungen und Titeln die Rede – was impliziert, dass sein Gebrauch offenbar zuvor recht weit verbreitet war. 

Darauf deuten auch Sobottas Befunde aus der Zeitschrift Freiheit hin, wo sich in den 1950er, 60er und 70er Jahren zahlreiche Ingenieurinnen, Nationalpreisträgerinnen, Betriebsleiterinnen und Genossinnen finden lassen, mehr oder wenig bunt durchmischt mit den entsprechenden generisch-maskulinen Formen wie Korrespondent, Leiter oder Oberrichter (ebenfalls für weibliche Personen verwendet). Die Autorin bemerkt einschränkend: „Allerdings konnte eine Dominanz nicht-generischer Sprachformen nur in jenen Zeitungstexten festgestellt werden, die über den Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) bzw. über Aktivitäten seiner Mitglieder berichteten.“

Es hat also ganz offenbar auch im DDR-Sprachgebrauch eine Konkurrenz zwischen generisch-maskulinen und spezifisch-femininen Bezeichnungsweisen für Frauen in ihren jeweiligen Rollen und Berufen gegeben. Und auch im Osten Deutschlands scheint die Präferenz für die eine oder die andere sprachliche Lösung stark vom Kontext der jeweiligen Äußerung abhängig gewesen zu sein und nicht zuletzt von ihrer politischen Intention. 

Ob die Gesamthäufigkeit des generischen Maskulinums, wie das Klischee es will, nun im Osten Deutschlands nicht doch höher war als im Westen, darüber kann die Untersuchung keinen Aufschluss geben. Wenn Angela Merkel 1989 im Bundestag von sich sagte: „Ich bin Realist“ (wie bei Sobotta zitiert), dann folgte sie damit jedenfalls keiner ehernen Regel des DDR-Sprachgebrauchs, sondern auch nur einer seiner möglichen Optionen.

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Als generisches Maskulinum wird der Usus bezeichnet, grammatisch maskulin markierte Formen als Oberbegriff für Menschen unabhängig ihres Geschlechts zu verwenden.

Das Genus oder deutsch das grammatische Geschlecht ist eine besonders auffällige Kategorie des deutschen Sprachsystems, da es die Substantive betrifft und Substantive diejenigen Wörter sind, mit denen wir die Dinge beim Namen nennen. Die Genera des Deutschen sind das Femininum, Maskulinum und Neutrum.

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