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Wer kann diesen Krieg wollen

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Wer kann diesen Krieg wollen

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Geschrieben von Sebastian Hoppe

Bei te.ma veröffentlicht 18.10.2022

Geschrieben von Sebastian Hoppe
Bei te.ma veröffentlicht 18.10.2022

Um Russlands Krieg zu verstehen, so Volodymyr Ishchenko, muss man den postsowjetischen Kapitalismus untersuchen.

Der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 spaltet die intellektuelle Linke in Europa und den USA. Reagiert Russland lediglich auf einen global agierenden und von den USA dominierten Imperialismus, dem Empire of Capital, vertreten durch die EU und Nato?1 Oder stehen hinter Putins Kriegsentscheidung geopolitische Interessen, wie sie jede Großmacht für sich formuliert?2 Soll man etwa Slavoj Žižek folgen, der dazu aufruft, mit einer sich von den USA emanzipierenden Nato der demokratischen Ukraine militärisch zum Sieg zu verhelfen?3 Oder schließt man sich Antonio Negri an, der fordert, aus dem Stellvertreterkrieg im Gefolge der USA auszuscheren und europäische Verhandlungslösungen mit Russland anzustreben?4

Für Volodymyr Ishchenko, einen der wenigen im Westen bekannten ukrainischen Linken, verschleiern diese Fragen eher den Kern des Problems. Man müsse, sagt er, zunächst den wahren Beweggründen der russischen Invasion auf die Spur kommen. Und diese lägen in einem innerrussischen Klassenkonflikt, der aber auch eine transnationale Komponente habe. Mit einer Analyse in den bisherigen Kategorien des Imperialismus – seien sie finanzieller, seien sie kultureller Natur – komme man hingegen nicht weiter.

Ishchenko unterscheidet in Russland zwei das Geschehen treibende soziale Klassen, deren Interessen miteinander konkurrieren. Die eine profitiert vom russischen Staatskapitalismus, indem sie Staatseigentum privatisiert oder Gewinne über den Staat in die eigenen Taschen ableitet. Diese Klasse generiert nicht selbst Profit, sondern extrahiert „Insider-Renten5 – Ishchenko spricht von „politischem Kapitalismus“. Im Unterschied zum westlichen Finanzkapitalismus könne dieser politische Kapitalismus seine Expansion nur territorial realisieren, indem er neue Quellen solcher Renten erschließt. Die Interessen dieser politisch einflussreichen Klasse seien es eigentlich, die dann vom Kreml in die Rhetorik von „Souveränität“ oder „Einflusssphären“ verpackt würden. Die andere Klasse bestehe in einer gebildeten Mittelschicht, die vom politischen Kapitalismus ausgeschlossen sei und ihre beruflichen und politischen Aufstiegschancen in der Intensivierung der Verbindungen mit dem Westen sehe. Die Interessen dieser Klasse stehen denen der politischen Kapitalisten diametral entgegen.

Auch im Ukraine-Konflikt stehen sich diese beiden Klassen in ihrer Positionierung gegenüber: Die gebildete Mittelschicht und Verwalterin des transnationalen Kapitals sieht sich im Bunde mit einer nach Westen orientierten Zivilgesellschaft.6 Der Euromaidan 2013/14 war wesentlich von diesem Bündnis getrieben und richtete sich gegen den politischen Kapitalismus eines Wiktor Janukowytsch. Der Kreml hingegen und die von ihm abhängigen Oligarchen sind vor allem an der Kontrolle von Land, Infrastruktur und Assets interessiert.7 So stellt sich auch Russlands Krieg selbst nicht als Macht-, sondern als innerrussischer sozialer Konflikt dar, als eine Auseinandersetzung zwischen Vertreter*innen einer transnationalen kapitalistischen Klasse und einer, die auf territoriale Kontrolle und Renten angewiesen ist.8

Ishchenkos Analyse bringt Aspekte zur Sprache, die in den tonangebenden medialen und politischen Diskussionen selten zu finden sind und einen alternativen Zugriff auf die Frage nach den Hintergründen des Kriegs ermöglichen. Unterbelichtet bleibt in seiner Arbeit, wie genau sich die Interessenlage von Russlands politischen Kapitalisten in die Kriegsentscheidung des russischen Präsidenten übersetzt hat. Entsprechend bleibt offen, inwiefern eine linke und kapitalismuskritische Auseinandersetzung mit dem russischen Imperialismus tatsächlich alternativen Deutungsangeboten überlegen ist, die etwa auf geopolitische Konflikte, Weltbilder von Eliten oder kulturelle Wahrnehmungen verweisen.9

Fußnoten
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Michael Hardt, Antonio Negri: Empire. Harvard University Press, Cambridge, MA. 2001, ISBN 978-0674006713; Yuliya Yurchenko: Ukraine and the Empire of Capital. From Marketisation to Armed Conflict. Pluto Press, London 2018, ISBN 0745337384.

John Mearsheimer on Why the West is Principally Responsible for the Ukrainian Crisis. In: The Economist. 19. März 2022. https://www.economist.com/by-invitation/2022/03/11/john-mearsheimer-on-why-the-west-is-principally-responsible-for-the-ukrainian-crisis.

Slavoj Žižek: Pacifism Is the Wrong Response to the War in Ukraine. In: The Guardian, 21. Juni 2022. https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/jun/21/pacificsm-is-the-wrong-response-to-the-war-in-ukraine.

Antonio Negri, Nicolas Guilhot: New Reality?. In: Sidecar, 19. August 2022. https://newleftreview.org/sidecar/posts/new-reality.

Rusland Dzarasov: Werewolves of Stalinism. Russia's Capitalists and Their System. In: Debatte: Journal of Contemporary Central and Eastern Europe. Band 19, Nr. 1-2, 2011), S. 471–97. https://doi.org/10.1080/0965156X.2011.626708

Yuliya Yurchenko: Ukraine and the Empire of Capital. From Marketisation to Armed Conflict. Pluto Press, London 2018, ISBN 0745337384.

Die Generierung von Renten auf Basis von Kontrolle im Gegensatz zum investitionsbasierten Erwirtschaften von Gewinnen hat jüngst Christophers für Großbritannien beschrieben. Brett Christophers: Rentier Capitalism. Who Owns the Economy, and Who Pays for It? Verso, London 2020, ISBN 9781788739757; Yuliya Yurchenko: Ukraine and the Empire of Capital. From Marketisation to Armed Conflict. Pluto Press, London 2018, ISBN 0745337384.

Volodymyr Ishchenko, Yuliya Yurchenko: Ukrainian Capitalism and Inter-Imperialist Rivalry. In: Immanuel Ness, Zak Cope (Hrsg.): The Palgrave Encyclopedia of Imperialism and Anti-Imperialism. Springer International Publishing, Cham 2019, ISBN, 978-3-030-29900-2. https://doi.org/10.1007/978-3-319-91206-6_104-1

Siehe für eine Kritik klassenanalytischer Zugänge zum Imperialismus Herfried Münkler: Imperium / Imperialismus. In: Zeitschrift für Weltgeschichte. Band 11, Nr. 2, S. 15–32. http://dx.doi.org/10.3726/84532_15. Wie eine politische Soziologie des russischen Angriffskrieges aussehen könnte, wird angedeutet von Klaus Schlichte: 3 X Ukraine. Zur politischen Soziologie eines Angriffskriegs. In: Leviathan. Band 50, Nr. 3, 2022, S. 413–38. doi.org/10.5771/0340-0425-2022-3-413

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Rente bezeichnet in diesem Kontext ein Einkommen, das auf Monopolen, Marktverzerrungen, politischer Bevorzugung, aber auch schierer Gewalt beruhen kann. Renten sind also stets politisch und unterscheiden sich von Profiten, die auf Märkten unter Wettbewerbsbedingungen ökonomisch angeeignet werden.

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5 Kommentare

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Total 6

Soweit ich den Blickwinkel des Autors richtig verstehe, sieht er in Russland nur zwei für den Ausbruch des Krieges relevante Klassen:
1) politischen Kapitalismus - Profit durch Insider-Renten (ich würde gern besser verstehen, was es dem Autor bringt “Korruption” auf diese Art zu umschreiben)
und
2) transnationalen Kapitalismus der gebildeten Mittelschicht (was diese Form des Kapitalismus ausmacht bleibt mir unklar - vllt meint der Autor einfach “Kapitalismus”?)

Insgesamt wird mir ein wenig übel wenn ich durch diese Brille gesehen die Ukraine und Russland als “ein Land” mit zwei im Konflikt befindlichen Klassen portraitiert bekomme. Das ist mir zu nah an dem genozidialen Diskurs von Putin, der die Existenz der Ukraine und ihrer eigenen Kultur und Staatlichkeit ablehnt und alles Ukrainisches als faschistisch bezeichnet.

Aber danke für das Erstellen dieser Synopsis.

Total 5

Lieber John.Gather,

vielen Dank, das sind in der Tat anregende Kommentare! Lassen Sie mich versuchen, ein paar Gedanken zu formulieren, die, wie ich meine, Ishchenkos Position vielleicht nochmal klarer machen, ohne dass ich die Probleme unter den Tisch kehren will, auf die Sie zurecht hinweisen.

1) Das Interessante bei Ishchenko ist, dass er als Linker seine Analyse nicht mit dem Zwischenstaatlichen (man könnte sagen: “Horizontalen“), sondern der sozialen (“vertikalen“) Dimension des Krieges beginnen lässt. Ihm geht es vor allem darum zu erfahren, wer vom Krieg profitiert - und zwar zunächst in Russland. Warum trägt die Elite den Krieg mit? Diese Profiteure bezeichnet er als politische Kapitalisten. Dieser Begriff geht über “Korruption“ hinaus, wie ich meine.

In der Forschung hat sich mittlerweile ein recht differenziertes Verständnis zur Korruption herauskristallisiert. So gibt es schlechte und gute, kurzfristig und langfristig wirkende Korruption. In einem Aufsehen erregenden Buch hat etwa Yuen Yuen Ang vor Kurzem gezeigt, warum China zwar korrupt, aber dennoch wirtschaftlich erfolgreich ist. Hier bei Interesse der Link zum Buch.

Kurzum: Ich denke, politische Kapitalisten ist dann doch genauer als der Begriff korrupte Elite.

2) Zu ihrer Kritik der “transnationalen kapitalistischen Klasse“: Das ist in der Tat etwas schwammig und man fragt sich a) wer konkret damit gemeint ist und b) ob das denn wirklich der “Hauptgegner“ der politischen Kapitalisten ist. Ich will nur so viel zu Ishchenkos Kapitalismusverständnis sagen: Er geht davon aus, dass es verschiedene Spielarten und Typen des Kapitalismus gibt und dass sich diese nicht nur zwischen Staaten, sondern auch innerhalb von einzelnen Gesellschaften, eben in Klassenform, äußern.

Zugegebenermaßen frage ich mich aber auch, wie wir von dieser Kapitalismuskritik zur Kriegsanalyse kommen, was auf Ihren letzten Kritikpunkt verweist.

Ich selbst sehe tatsächlich gar nicht, dass Ishchenkos Analyse davon ausgeht, dass Russland und die Ukraine eins sind. Wo Sie aber recht haben ist, dass seine Perspektive die nationale bzw. inter-nationale Ebene tendenziell ausblendet oder zumindest vernachlässigt. Die Frage ist also: Wie kriegen wir den Link von der Klassen- zur internationalen Konflikt- und Kriegsanalyse hin? Schließlich stehen sich ja nicht direkt korrupte Kapitalisten mit Geldkoffern auf der einen und Programmierer auf der anderen Seite gegenüber, sondern nationalstaatliche Armeen.

Für mich ist das eine zentrale Problematik, die über die Fragen linker Kriegsanalyse hinausweist und es wäre sehr spannend zu überlegen, wie man diese Verbindung herstellen kann.

Total 2

Am Beispiel Belarus wissen wir, dass der vom Autor so genannte politische Kapitalismus in einer Autokratie eins um jeden Preis vermeiden will: Die Übernahme von Schlüsselunternehmen und Infrastruktur durch Oligarchen oder Staatsunternehmens aus Russland. Auch unter Janukowitsch war ein solcher „Ausverkauf“ der Ukraine nicht gewollt, sondern die Bedienung eigener Klientel einschließlich der engeren Familie durch Aneignung von Unternehmensanteilen das eigentliche Ziel.

Auch die ukrainischen Oligarchen sind deshalb keine Nutznießer des Krieges, sie verlieren im Gegenteil Milliarden darin. Insofern ist der behauptete Gegensatz zwischen den Interessen verschiedener Teile der Wirtschaftselite zwar korrekt beschrieben, aber nicht zu Ende gedacht.

Total 0

Lieber NikolausH,

danke für Ihren Kommentar. Das scheint mir tatsächlich eine wichtige Dimension zu sein, die medial derzeit auch nur am Rande diskutiert wird: Bisher sieht es so aus, als verliert die ukrainische Oligarchie durch den Krieg an politischem Gewicht. Wobei mein Eindruck ist, dass wir zunächst warten sollten, bis sich der Nebel des Kriegs gelichtet hat. Möglicherweise handelt es sich nicht um einen Bedeutungsverlust der Oligarchie an sich, sondern lediglich um eine Rekonfiguration, nach der es neue oligarchische Schwergewichte geben wird, während andere ihre ökonomische Basis zerstört sehen. Wie Krieg Oligarchien umstrukturiert, erscheint mir auch jenseits der Ukraine eine spannende Frage zu sein.

Wie in meinem obigen Kommentar zu John.Gather bereits angemerkt, denke ich wie Sie, dass Ishchenkos Klassenanalyse eben nur begrenzt trägt. Schließlich ist die “Klasse“ der Oligarchen in der Ukraine und in Russland jeweils unterschiedlich organisiert und eingebunden in politische Machtverhältnisse. Hier vermisse ich etwas die “nationalen Parameter“ in seiner Analyse, die möglicherweise doch nicht vollkommen von der Klassenlogik überlagert werden. Auch Oligarchen müssen sich zum Nationalismus verhalten, den der Krieg entfacht hat, sowohl in Russland als auch der Ukraine.

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