Sebastian Hoppe introduces

3 x Ukraine. Zur Politischen Soziologie eines Angriffskriegs

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Klaus Schlichte2022 Ukraine: Krieg
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3 x Ukraine. Zur Politischen Soziologie eines Angriffskriegs

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Introduction

Written by Sebastian Hoppe

Published to te.ma 19.01.2023

te.ma DOI 10.57964/5yk7-dn12

Written by Sebastian Hoppe
Published to te.ma 19.01.2023
te.ma DOI 10.57964/5yk7-dn12

Adäquate Beschreibungen – daran mangele es vielen Analysen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, kritisiert Klaus Schlichte. Großtheorien der Internationalen Beziehungen, allen voran der wiedererweckte Realismus oder der in Deutschland dominante Liberalismus, würden nicht weiterhelfen. Benötigt werde eine historisch sensible politische Soziologie, die es erlaube, zwischen strukturell ermöglichenden sowie kurzfristig dynamisierenden Kriegsursachen zu unterscheiden.

Klaus Schlichte interveniert in einer Debatte, in deren Mittelpunkt die Notwendigkeit einer Wiederbelebung realistischer Theorien der Internationalen Beziehungen (IB) steht.1 Von einer solchen Notwendigkeit könne keine Rede sein, so der an der Universität Bremen lehrende Professor. Durch die Verabsolutierung des Machtbegriffes sei es dem Realismus unmöglich, Kriege als soziale und politische Phänomene zu beschreiben. Auch dem an deutschen Universitäten sehr beliebten liberalen Paradigma entgleite die Beschreibung des Krieges. So helfe es wenig, die Außenpolitik von Autokratien zu pathologisieren, indem man letzteren eine inhärente Neigung zum Krieg unterstelle. Schließlich sei es die Moderne selbst, die Gewaltpotential in sich trage – und nicht ein spezifischer Regime-Typ.2 

Der im Artikel unterbreitete Vorschlag greift auf einen von der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) an der Universität Hamburg entwickelten Ansatz zurück. Dieser arbeitet vor allem qualitativ, stark vergleichend und nimmt empirisch das globale Kriegsgeschehen nach 1945 in den Blick. Theoretisch gerahmt wird dieser Fokus durch den Begriff der Weltgesellschaft, d.h. die Idee, dass die analysierten Konflikte in einen global vergesellschafteten Strukturzusammenhang eingebettet sind.3 Kriege sind niemals nur Staaten-, sondern auch Gesellschaftsphänomene.

Im Mittelpunkt einer Analyse des russischen Krieges gegen die Ukraine müsse die Rekonstruktion des erstmals von Max Weber so bezeichneten „subjektiv gemeinten Sinns” stehen.4 Kriege würden eben nicht den vom Realismus oder Liberalismus behaupteten strukturellen Gesetzmäßigkeiten folgen. Vielmehr seien sie das Ergebnis von Entscheidungen, deren Rationalität sich unmittelbar nur den handelnden Subjekten selbst voll erschließt. Von herausragender Bedeutung für die Rekonstruktion dieser Subjektivitäten sei quellenbasierte Forschung, die Sprach- und Ortskenntnisse voraussetze.

Schlichte liefert in seinem Essay keine detaillierte empirische Analyse des Krieges, sondern beschränkt sich auf den Entwurf eines politisch-soziologischen Rahmens. Eine differenzierte Beschäftigung mit den Kriegsursachen müsse zunächst zwischen strukturell ermöglichenden und kurzfristig dynamisierenden Faktoren unterscheiden.5 Schlichte sieht für die russische Invasion in die Ukraine vier ursächliche Bedingungskomplexe:

  • die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Politische und gesellschaftliche Dynamiken in der Ukraine, Russland und auch in westlichen Gesellschaften folgen unterschiedlichen Zeitlichkeiten. Schlichte bemüht hier einen Satz Ernst Blochs: „Nicht alle sind im selben Jetzt da”.

  • der postimperiale Habitus: Bereits seit dem Zarenreich sind Gewalt, multiple Grenzverschiebungen sowie Phasen der De- und Re-Imperialisierung Teil der russischen Geschichte. Entsprechende Bewertungen haben sich tief in das Denken der russischen Elite und der Gesellschaft eingeschrieben – nicht zuletzt aufgrund eines Mangels an anderen Vorstellungen von Gesellschaft, die sich aufgrund einer dreißigjährigen sozioökonomischen Krise nach dem Zerfall der Sowjetunion nie entwickeln konnten.

  • die asymmetrische Figuration der innen- und außenpolitischen Beziehungen der Kriegsparteien: Zur Vorgeschichte des Krieges gehören auch aufeinander bezogene Wahrnehmungsmuster von globalen Hierarchieverhältnissen. Bestehen diese mit den dazugehörigen Konflikten über einen langen Zeitraum, so wirken sie identitätsstiftend und schreiben sich tief in die politische Kultur ein. Dies betrifft etwa das Bestreben Russlands, von den USA als Großmacht anerkannt zu werden

  • die strukturierte Zeit des Konflikthandelns selbst: Seit dem Untergang der Sowjetunion können im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen unterschiedliche Konfliktphasen beobachtet werden. Ihre Linien verliefen „zeitlich punktuiert”6 und haben sich, vermittelt durch kontingente Ereignisse und getrieben von intendierten und nicht-intendierten Konsequenzen,7 teils verselbstständigt.


Die politische Soziologie Schlichtes teilt mit jüngeren Veröffentlichungen das Anliegen, die IB-theoretischen Grundsatzdebatten um die Kriegsursachen zu überwinden, die Russlands Invasion wiederbelebt hat.8 Ziel dieser Interventionen ist es, die unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Konfliktebenen detailliert herauszuarbeiten sowie den „subjektiven Sinn” des Aggressorstaats ernstzunehmen. Somit öffnet sich der Blick auf die historische Ursachenkette, die schließlich im Krieg mündete. Solche komplexen Erklärungen des Krieges zeigen die Grenzen der eindimensionalen Schlussfolgerungen, die realistische oder liberale Großtheorien der IB anzubieten haben.

Footnotes
8

Roland Czada: Realismus im Aufwind? Außen- und Sicherheitspolitik in der »Zeitenwende«. In: Leviathan. Band 50, Nr. 2, 2022, S. 216–238. http://dx.doi.org/10.5771/0340-0425-2022-2-216

Zygmunt Bauman: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Europ. Verl.-Anst, Hamburg 1992, ISBN 3434500154

Rudolf Stichweh: Weltgesellschaft. In: Bonner Enzyklopädie der Globalität. Springer VS, Wiesbaden 2017, S. 549–560. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-13819-6_45

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-86150-730-7

Hillel David Soifer: The Causal Logic of Critical Junctures. In: Comparative Political Studies. Band 45, Nr. 12, 2012, S. 1572–1597. https://doi.org/10.1177/0010414012463902

William H. Sewell Jr. (Hrsg.): Logics of History. Social Theory and Social Transformation. University of Chicago Press, Chicago 2005, ISBN 9780226749181

William Hill: No Place for Russia. European Security Institutions Since 1989. Columbia University Press, New York, 2018, ISBN 9780231801423

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen. C.H. Beck, München 2022, ISBN 9783406793059

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Liberalismus bedeutet in der Disziplin der Internationalen Beziehungen (IB): Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Staaten durch Völkerrecht, Überwachung und Regulierung durch internationale Organisationen, freiwillige Kooperation der Staaten in einer Staatengemeinschaft, Demokratie oder Demokratisierung, Umsetzung der Menschenrechte. Liberale Politik hat eine direkte ethische Stoßrichtung und steht in der Tradition von Woodrow Wilsons 14-Punkte-Plan nach dem ersten Weltkrieg.

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) hat sich der Erfassung und Typologisierung aller aktuellen Kriege und bewaffneten Konflikte verschrieben. Hierzu ermittelt und analysiert sie einerseits statistische Trends zum Kriegsgeschehen. Andererseits trägt sie zur Theoriebildung in der Kriegsursachenforschung bei. Die von der AKUF erhobenen Daten und Theorien stellen im deutschen Sprachraum die meistverwendete empirische Grundlage einschlägiger Publikationen dar.

Hinter dem Konzept der Weltgesellschaft steht die Vorstellung, dass es einen global zusammenhängenden Kommunikations- und Handlungsraum gibt. Wann genau sich dieser Raum herausgebildet hat, ist in der Forschung umstritten. Naheliegend ist, den Übergang etwa an der Schwelle vom 14. zum 15. Jahrhundert zu verorten. Davor gab es verschiedene Gesellschaften, die aber unabhängig voneinander lebten. Vor allem bedingt durch die Expansion großer Kolonialreiche bildete sich hingegen seit Ende des 14. Jahrhunderts ein globaler Vergesellschaftungszusammenhang heraus.

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