Warum Sprachwandel notwendig ist: Der Professor, die Professor, das Professor

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Warum Sprachwandel notwendig ist: Der Professor, die Professor, das Professor

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Introduction

Written by Eva von Grafenstein

Published to te.ma 28.11.2022

Written by Eva von Grafenstein
Published to te.ma 28.11.2022

Nele Pollatschek kritisierte in einem „Tagesspiegel“-Beitrag die sprachliche Sichtbarmachung des Geschlechts. Sie forderte, die weiblichen Geschlechtsformen im Deutschen abzuschaffen und stattdessen wie im Englischen das generische Maskulinum zu verwenden. Der Anglist Anatol Stefanowitsch verfasste daraufhin eine Replik. Er erklärt, warum die deutsche und englische Sprache hinsichtlich des Genus nicht vergleichbar sind. 

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek legte dar, dass sich die Briten gegen gegenderte Personenbezeichnungen entschieden hätten und stattdessen das generische Maskulinum verwendeten. Von den Deutschen forderte sie, es den Briten gleichzutun. Stefanowitsch wendet ein, dass Personenbezeichnungen im Englischen und Deutschen hinsichtlich des Genus nicht zu vergleichen seien. Denn anders als im Deutschen seien so gut wie alle Personenbezeichnungen im Englischen geschlechtsneutral. Schon vor über 500 Jahren seien Genus- und Kasusendungen von Substantiven verschwunden und der männliche Artikel „sē“, der weibliche Artikel „sēo“ und der neutrale Artikel „þæt“ wären durch „the“ ersetzt worden.1 Hierbei handelte es sich nicht um eine bewusste Entscheidung, sondern um Lautwandel und anschließende Verallgemeinerung des Artikels, der im Mittelenglischen aus einer Verschmelzung der lautlich reduzierten Formen hervorging. 

Darüber hinaus stellte Pollatschek die These auf, dass maskuline Personenbezeichnungen wie z.B. Schriftsteller oder Kanzler im Laufe der Zeit zu einer geschlechtsneutralen Form würden, wenn man sie konsequent auch für Frauen verwendet. Stefanowitsch glaubt das nicht. Seiner Ansicht nach wird das Maskulinum bei Personenbezeichnungen deswegen männlich interpretiert, weil es im deutschen Wortschatz Wörter gibt, die mit ihnen korrelieren und sich ausschließlich auf Männer beziehen (z.B. der Mann, der Vater, der Mönch, der Bräutigam). 

Stefanowitsch verweist auf einen Vorschlag der feministischen Linguistin Luise Pusch aus dem Jahr 1980, wie gendergerechte Sprache umgesetzt werden könnte, ohne die weibliche Geschlechtsform und ohne das generische Maskulinum zu verwenden.2 Diesem Vorschlag zufolge könnte man die männliche Form durchgängig anwenden und das Geschlecht der Bezeichneten durch den Genus anzeigen. Es hieße dann „der Professor“ (Mann), „die Professor“ (Frau) und „das Professor“ (geschlechtsneutral).

Allerdings würde auch bei diesem Vorschlag, so Stefanowitsch, das Geschlecht – entgegen der Forderung von Pollatschek – sichtbar gemacht werden. Zwar gebe es ein Recht auf geschlechtsneutrale sprachliche Formen, allerdings müsse dieses Recht gegen das Recht auf Sichtbarkeit abgewogen werden. Er denkt dabei vor allem an nicht-binäre Menschen, die erst durch das Gender-Sternchen sichtbar gemacht werden und für die Sichtbarkeit die Voraussetzung ist, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. 

Stefanowitsch spricht sich letzten Endes gegen einheitliche Sprachregelungen aus. Er plädiert dafür, es den unterschiedlichen Interessengruppen zu überlassen, verschiedene Vorschläge zu machen. Ab dann sei es dem „freien Spiel der Kräfte“ überlassen, welche Formen sich durchsetzen. 

Footnotes
2

Stefanowitsch bezeichnet den Artikel „þæt“ fälschlicherweise als Femininum und den Artikel „sēo“ als Neutrum, dabei müsste es andersherum heißen. Im Intro wurde diese Verwechslung korrigiert. 

Diesen Vorschlag macht Luise F. Pusch in ihrem 1980 erschienenen Aufsatz „Das Deutsche als Männersprache“.

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Das Genus oder deutsch das grammatische Geschlecht ist eine besonders auffällige Kategorie des deutschen Sprachsystems, da es die Substantive betrifft und Substantive diejenigen Wörter sind, mit denen wir die Dinge beim Namen nennen. Die Genera des Deutschen sind das Femininum, Maskulinum und Neutrum.

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Ich bin fast schon entsetzt über Teile des Artikels. Spontan hier nur zu Folgendem:

“Zwar gebe es ein Recht auf geschlechtsneutrale sprachliche Formen, allerdings müsse dieses Recht gegen das Recht auf Sichtbarkeit abgewogen werden. Er denkt dabei vor allem an nicht-binäre Menschen, die erst durch das Gender-Sternchen sichtbar gemacht werden…”

Man muss Dinge grundsätzlich auch aus einem Blickwinkel der Verhältnismässigkeit betrachten. Wenn z.B. 5% (vermutlich schon hochgegriffen) der Bevölkerung nicht-binär sind/wären, warum müssten sich dann 95% der Bevölkerung den Gender-Sternchen aussetzen?

“… und für die Sichtbarkeit die Voraussetzung ist, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. “

Aber das ist doch wohl - sorry - ziemlicher Quatsch! Seit vielen Jahren, lange bevor man das Wort “gendern” überhaupt kannte, hat man über Homosexualität diskutiert und Homosexuelle konnten (je nach persönlichem Wunsch) problemlos auch als Homosexuelle am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen.

Nein, ich finde, dass der Artikel ziemlich schlecht ist, insoweit er solche Grundsatz-Aspekte entweder garnicht berührt oder nur sehr unausgewogen. Oder schlicht und einfach sachlich falsch!

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Vielen Dank für den Kommentar. Zu zwei der von Ihnen angesprochenen Aspekte hier ein paar Argumentationspunkte aus meiner Sicht:

Wenn z.B. 5% (vermutlich schon hochgegriffen) der Bevölkerung nicht-binär sind/wären, warum müssten sich dann 95% der Bevölkerung den Gender-Sternchen aussetzen?

Das Gendersternchen schließt ja nicht nur nicht-binäre Menschen mit ein, sondern erlaubt auch einen schnellen, neutralen Verweis auf Menschen und Gruppen, die gemischtgeschlechtlich sind oder wo das Geschlecht einfach egal oder unbekannt ist. Natürlich klingt es ungewohnt, aber damit hätten wir eine Wortform, die in aller Knappheit Männer, Frauen und nicht-binäre Personen bezeichnen kann. Ich sehe da absolut eine Verhältnismäßigkeit, wenn statt nur der Männer, die etwa die Hälfte der Gesellschaft ausmachen, alle sprachlich ausgezeichnet sind.

Seit vielen Jahren, lange bevor man das Wort “gendern” überhaupt kannte, hat man über Homosexualität diskutiert und Homosexuelle konnten (je nach persönlichem Wunsch) problemlos auch als Homosexuelle am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen.

Wichtig ist hier: “Gendern” hat nichts damit zu tun, ob eine Person homosexuell ist. Es muss klar zwischen Geschlechtsidentität und Sexualität unterschieden werden, denn letztere spielt in der deutschen Grammatik ja glücklicherweise überhaupt keine Rolle: Eine Berufsbezeichnung markiert nicht, wen die Person im Privatleben liebt. Sie markiert ja aber schon, welches Geschlecht sie hat. Und das tut nicht für alle Geschlechter gleich. Also werden nicht alle Menschen beim Diskurs über ihren Beruf gleich stark mitmarkiert - und das ist, so denke ich, eine Benachteiligung. Besonders in Berufsfeldern, wo aus nicht-sprachlichen Gründen ein Geschlecht stark überrepräsentiert ist, kann dies aktiv z.B. die Berufswahl bei Kindern beeinflussen, wie z.B. die Psycholog*innen Dries Vervecken und Bettina Hannover in mehreren Studien gezeigt haben.

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Das Gendersternchen schließt ja nicht nur nicht-binäre Menschen mit ein, sondern erlaubt auch einen schnellen, neutralen Verweis auf Menschen und Gruppen, die gemischtgeschlechtlich sind oder wo das Geschlecht einfach egal oder unbekannt ist…

Sorry, und wenn das Geschlecht “egal” ist, dann soll man gendern? Damit erkennbar wird, dass das “egale” Geschlecht sowohl einen Mann als auch ein Frau einschliesst? Und auch Trans-Männer und Transfrauen? Und damit die nicht wegen kulturellen Ignoriertwerdens vom Kölner Dom springen müssen, auch nicht-binäre Existenzen? Tatsächlich?… Falls das bisher nicht erkennbar wurde, dann explizit: die Einschlussbehauptung überzeugt mich auch nicht. Ausserdem kann eine Sprache, die Geschlechtsformen kennt, nicht immer alle Fälle per Orthografie und Grammatik berücksichtigen. Dafür ist dann innerhalb der Regeln die Semantik zuständig, und nicht bürokratische Monster.

Sonst sollte ich vielleicht schreiben: “Gestern im Hallenbad waren eine Menge von Schwimmer*innen, von denen aber bei den biologisch männlichen Schwimmer*innen ca. 65% Transfrauen waren, so dass es sich bei den Besucher*innen überwiegend um Frauen handelte”…

Wenn Sie schreiben:

Wichtig ist hier: “Gendern” hat nichts damit zu tun, ob eine Person homosexuell ist. Man muss klar zwischen Geschlechtsidentität und Sexualität trennen,

dann hat das nichts mit der diesbezüglichen Intention des Artikels zu tun, wo es nämlich um die Sichtbarkeit geht und hierzu heisst:

…das Recht auf Sichtbarkeit abgewogen werden. Er denkt dabei vor allem an nicht-binäre Menschen, die erst durch das Gender-Sternchen sichtbar gemacht werden und für die Sichtbarkeit die Voraussetzung ist, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen.

damit vor allem nichtbinäre Menschen, …, überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen können sollten.

Und deshalb bringt Gendern Vorteile? Mein Verweis war, dass Sichtbarkeit (eben nicht “egal”, wie Sie an anderer Stelle schrieben) auch anders gewährleistet sein konnte, wie die Homosexuellen zeigten.

Man muss klar zwischen Geschlechtsidentität und Sexualität trennen, denn letztere spielt in der deutschen Grammatik ja glücklicherweise überhaupt keine Rolle

Wieso “glücklicherweise”? Verstehe ich nicht. Oder meinen Sie, dass vernünftige (ich meine kultursensible) Homosexuelle zwar keine Geschlechtsidentität haben, es bei deren Sexualität aber eindeutige Männer und Frauenrollen gibt, auch mit eindeutiger Zuordnung?

Also werden nicht alle Menschen beim Diskurs über ihren Beruf gleich stark mitmarkiert - und das ist eine Benachteiligung.

Da stimme ich Ihnen ausnahmsweise mal zu: Zum Beispiel bringt die hochangesehene Arbeit der Hausfrau beim ersten Hören eine Status-Benachteiligung für Männer, nicht-binäre und Transmenschen. Durch Hausmän*in oder auch Hausfrau*in wird das mMn nur unzureichend aufgefangen.

Ich mache hier mal Schluss, weil mich die nicht-binären Idiot*innen sonst noch zu sehr aufregen könnten…

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Sorry, und wenn das Geschlecht “egal” ist, dann soll man gendern? Damit erkennbar wird, dass das “egale” Geschlecht sowohl einen Mann als auch ein Frau einschliesst?

Ich hatte versucht, zu sagen, dass es sehr viele Kontexte gibt, in denen das Geschlecht gänzlich unerheblich ist für den Sachverhalt, über den gesprochen wird. "Egal" war dort vielleicht nicht die beste Wortwahl. Aber so wie wir es sprachlich jetzt machen, klingt es aber immer nach mindestens einem: meistens nach den Männern.

Es geht wirklich nicht darum, den Männern etwas wegzunehmen - Kern der gendergerechten Sprache ist einfach der Wunsch, genau wie Männer sichtbar zu sein - und nicht an ihrer statt. Wenn Sie dieser Einschlusswunsch nicht überzeugt, muss ich das akzeptieren.

Ich möchte Sie gerne bitten, in Zukunft von Beleidigungen wie “Idiot*innen” abzusehen.

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Ich mache hier mal Schluss, weil mich die nicht-binären Idiot*innen sonst noch zu sehr aufregen könnten…

Ich möchte Sie gerne bitten, in Zukunft von Beleidigungen wie “Idiot*innen” abzusehen.

Warum möchten Sie mich “gerne bitten”? Ich hatte doch erkennbar (hoffe ich jedenfalls) niemand konkreten damit adressiert, sondern schlicht “gendergerecht” ein Beispiel für generische Gruppen genannt, über die ich mich - rein subjektiv natürlich - aufregen könnte. Hatte diese aber nicht konkretisiert.

Insofern möchte Sie gerne bitten, mir zu sagen, wer sich Ihrer Meinung nach beleidigt fühlen könnte.

Besten Dank.

MfG Falk Kuebler

P.S.:

Vielleicht sollte ich auf meine alter-weisser-Mann-Tage noch einmal einen VHS-Kurs belegen, um gendergerecht bei nicht-trivialen Themen mitreden zu können. Und auch zu dürfen…

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