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Danke für das interessante Interview. Ich wünschte, solche Interviews oder Beiträge hätte es in wahrnehmbarerer Zahl bereits ab dem Ausbruch des Krieges (= Überfalls Russlands auf die Ukraine) und besser schon in den Jahren davor, spätestens ab Minsk gegeben. Was mich am meisten in der öffentlichen - also in der Berichterstattung der größeren Medienhäusern, aber auch in Gesprächen mit vielen Kollegen und Freunden - verblüffte (wenn nicht enttäuschte und beunruhigte), war das fehlende Spektrum an verschiedenen Analysen des komplexen Interessenkonflikts und der Lösungsoptionen. Eigentlich habe ich nur zwei Meinungen wahrgenommen: die Meinung, die Ukraine müsse sich ergeben (absurder Weise zum Wohle der ukrainischen Bevölkerung) und den „Hau auf den Aggressor Russland drauf“-Standpunkt. Dass man aus dem Schock des Angriffs heraus so polarisiert reagiert bzw. „analysiert“ mag ja emotional verständlich sein. Aber von einem Land bzw. einer Öffentlichkeit, das bzw. die nicht Kriegspartei ist, und damit vor allem von einer für solche Analysen ja eigentlich ausgebildeten 4. Gewalt (also vom professionellen Journalismus) hatte ich einen differenzierteren, lösungsorientierteren Diskurs erwartet. Vor diesem Hintergrund beschäftigt mich u.a. die Frage, wieso es in Deutschland bisher zu keinem solchen Diskurs kam. Mich würde daher eine Art Meta-Diskussion interessieren. Wieso diskutiert die Öffentlichkeit in Deutschland, wie sie es bisher tut? Hättet ihr dazu ebenfalls Beiträge?

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7 Kommentare

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Ähnliche Fragen treiben mich auch oft um. Einige vielleicht mögliche Antwortfragmente: Krieg ist stark emotionalisierend und führt zu vehementen, extremen Positionierungen (psychologisch); Situation ist so hyperkomplex, dass niemand sie angemessen erfassen kann und immer der Teil als Ganzes erscheint (kognitiv); Journalismus folgt Ereigniskonjunkturen und kann weder Ursachen- noch Folgen-Diskurse adäquat abbilden (medial); Plattformen fördern Meinungskonsonanz und damit Lagerbildung (auch medial); Sphäre des Politischen wird missverstanden als Sphäre von offenkundigen Wahrheiten, wo es aber nur besser und schlechter geben kann (philosophisch); spezifische deutsche Geschichte befördert überentschiedene Positionierungen gerade in internationaler Hinsicht (politisch); deutscher Diskurs ist kaum internationalisiert und nimmt weder US-Diskurs (breites Spektrum) noch z. B. FR-Diskurs (andere Denktradition) wahr (auch politisch) – und es gäbe sicher noch weitaus mehr. Wäre interessant, da mal zusammenzutragen.

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So oder so – für diese Problematik  Beiträge zu finden ist nicht leicht, denn es gibt keine wissenschaftliche Disziplin „integrative Erforschung des öffentlichen politischen Diskurses“, die Medienwissenschaften stossen da an ihre Grenzen, weil sie die konkrete politische Konstellation und die Spezifik Osteuropa kaum berücksichtigen können. Und Medienkritik ist, als Textgattung, oft selbst stark weltanschaulich / politisch getrieben.

Aber dass man der Frage nachgehen müsste, das finde ich eine wichtige Anregung. Aber vielleicht ist sogar noch wichtiger als Analyse und Kritik, es einfach einmal anders zu machen oder das zumindest zu versuchen. Andererseits muss beides einander ja auch nicht ausschliessen.

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Ja absolut, eure Plattform ist ja so ein Ansatz, es „einfach“ mal anders zu machen. Danke dafür nochmal, nach einem Angebot wie eurem habe ich jedenfalls lange gesucht.

Vielleicht findet man Erklärungsansätze zu dieser Metafrage in der Soziologie oder philosophischen Diskurstheorie. Auch beim Umgang der „Mainstream-Medien“ und Gegenmedien mit der Corona-Pandemie hat es ja einige Zeit gedauert, bis sich solche Meta-Erklärungsansätze herausgebildet haben. Aber fast vermisst man die Intellektuellen, die sich auf so einer Ebene engagierter oder schneller in den Diskurs einbringen (und damit meine ich jetzt nicht unbedingt Richard David Precht oder so - ohne ihn verunglimpfen zu wollen.)

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