Out of sight, out of mind: The pseudo-genericity of German role nouns

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Out of sight, out of mind: The pseudo-genericity of German role nouns

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Introduction

Written by Julian Andrej Rott

Published to te.ma 05.12.2022

Written by Julian Andrej Rott
Published to te.ma 05.12.2022

Die Datengrundlage vieler Studien zum generischen Maskulinum stammt aus Experimenten, in denen Studierende an Universitäten ihre unbewussten Assoziationen mit bestimmten Wortformen preisgeben. Meist kommt dabei heraus, dass bevorzugt an Männer gedacht wird. Die Tragweite solcher Ergebnisse wird bisweilen angezweifelt, denn was junge Menschen an Unis mit einer Berufsbezeichnung verbinden, muss nicht unbedingt für den Rest der Bevölkerung gelten. Dominic Schmitz und seine Kolleg*innen zeigen in ihrem Beitrag auf der #linguistweets Twitter-Konferenz am 5.12.2022, dass solche Verknüpfungen bis tief in unser mentales Lexikon reichen. 

Der Streit um gendergerechte Sprache ist in weiten Teilen ein Streit um Ungesagtes – an wen wird gedacht, wenn Begriffe wie Bäcker oder Professor fallen? Vertreter*innen des generischen Maskulinums sagen, dass solche Wörter sowohl nur Männer als auch alle Menschen bezeichnen können. Andere wenden dagegen ein, dass sich die männliche Vorprägung nicht völlig wegdenken lässt – zum Nachteil von Frauen und nicht-binären Personen – und fordern eine neue Form, mit der alle Geschlechter von sich hören lassen können. Veränderungen wiederum müssen in der Sprachgemeinschaft akzeptiert und für nützlich befunden werden. Wer die Notwendigkeit nicht sieht, der wird das Neue nicht sagen – und der Kreislauf beginnt von vorn.

Die Psycholinguistik ist der Zweig der Sprachwissenschaft, der bisher am stärksten damit beschäftigt war, dieser subjektiven Diskussion eine Datengrundlage an die Hand zu geben. Von Zeitmessung bei Entscheidungsfragen über Lückentexte bis hin zu Bewertungen darüber, wie gut zwei Sätze zusammenpassen; mit verschiedensten Methoden wurde in den letzten 20 Jahren überprüft, welche Bilder generische Maskulina hervorrufen. Niemals waren die Geschlechter gleich stark vertreten – in fast allen Studien bedingte die Verwendung von grammatikalisch rein maskulinen Formen wie Lehrer auch das mentale Bild eines Mannes.

Der Streit geht dennoch weiter, denn nicht alle sind überzeugt von derlei Methoden. Man moniert, sie beruhten noch immer auf den Assoziationen einer relativ kleinen Gruppe von Proband*innen, die zumeist auch noch aus dem spezifischen Bevölkerungskreis junger Akademiker*innen rekrutiert wird. Diese Gruppe ist für Forschende an der Universität am einfachsten verfügbar – und klassischerweise eine eher progressive Kohorte. Auch gesamtgesellschaftliche Klischees darüber, was „männliche“ und was „weibliche“ Berufe sind, würden in diesen Studien oft nicht mitbedacht, sondern lediglich auf die Grammatik geschaut.

Dominic Schmitz, Viktoria Schneider und Janina Esser von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf haben versucht, genau diese Kritikpunkte aufzugreifen. Um sich den geschlechtlichen Strukturen unseres Wortschatzes zu nähern, ohne auf die gedanklichen Verknüpfungen einiger weniger zurückgreifen zu müssen, haben sie eine künstliche Intelligenz mit einer großen Menge von Sprachdaten aus Nachrichtentexten des letzten Jahrzehnts gefüttert – insgesamt 830.000 Sätze unzähliger Autor*innen. Die KI errechnete dann eine mathematische Repräsentation der Bedeutungsebenen und lexikalischen Verknüpfungen, sogenannte semantische Vektoren, für 113 Personenbezeichnungen in der generisch maskulinen, der explizit maskulinen und in der explizit femininen Form1. Auch Stereotypen über Geschlechtstendenzen in einzelnen Berufsgruppen wurden über ein von der Linguistin Ute Gabriel und ihrem Team erhobenes Bewertungsmaß mit einbezogen. Was dabei herauskam, war ein mathematisches Modell des Teils unseres mentalen Lexikons, in dem gegenderte Sprache greift. Mit diesem Modell ist es möglich, die relevanten Bedeutungsähnlichkeiten in Zahlen zu erfassen, und zwar objektiver, als es eine Einzelperson je könnte.

Von ihren Ergebnissen berichteten Schmitz et al. heute im Rahmen der #linguistweets Konferenz, die gänzlich auf Twitter stattfand und Forschenden den Raum gibt, in 6 Tweets ihre Arbeit darzustellen

Das Forscher*innenteam konnte zeigen, dass sich die Semantik von generischen Maskulina (also Wörter, die alle mit meinen sollen) und spezifischen Maskulina (denen, die wirklich nur Männer bezeichnen) kaum unterscheidet – sie haben die gleichen Verknüpfungen. Dagegen ist die Semantik von Feminina signifikant anders strukturiert, sie stehen im mentalen Lexikon für sich. Was psycholinguistische Studien aufgedeckt haben, bestätigt sich also auch in einem großen Textkorpus: Wer Lehrer sagt, weckt vorwiegend Bilder von Männern, und weibliche Berufsbezeichnungen sind semantisch eine völlig eigene Kategorie – die sich nicht mit den pseudo-generischen Maskulina deckt. Der Faktor des Stereotypenmaßes hatte dagegen keinen statistisch auswertbaren Effekt, was mit Studien von Gygax et al. (2008) und Garnham et al. (2012) im Einklang steht. Und vielleicht einigen Kritiker*innen etwas Wind aus den Segeln nimmt.

Sicherlich kann man auch hier wieder anmerken, dass die innovative Studie auf einem relativ kleinen Datensatz beruht, „nur“ 113 Wörter betrachtet. Vielleicht auch, dass die Methode sich der Bedeutung von Worten auf eine statistische Weise nähert, die der emotionalen Realität von Frauen und nicht-binären Menschen keine Rechnung trägt. Aber sie zeigt, dass es noch viele unentdeckte Wege gibt, die sprachliche Realität zu erfassen und sie in objektive Maße zu gießen.

Wer Genaueres erfahren möchte, findet auf https://psyarxiv.com/yjuhc einen Pre-Print, in dem Teile der Arbeit genau beleuchtet werden.

Footnotes
1

Generisch feminine Wörter gibt es im Deutschen so gut wie nicht; eine Ausnahme ist z.B. die Hebamme.

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Open Access
Open Access means that this material is freely accesible

Als generisches Maskulinum wird der Usus bezeichnet, grammatisch maskulin markierte Formen als Oberbegriff für Menschen unabhängig ihres Geschlechts zu verwenden.

Die Psycholinguistik erforscht die Funktionsweise der Sprache im Gehirn. Sie untersucht das Sprechen und Verstehen, den Spracherwerb, Sprachstörungen, und den Sprachverlust.

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