SPECIAL INPUT: Imke Nikolai-Kaiser

Interview mit Imke Nikolai-Kaiser: „Da gibt es kein Richtig oder Falsch“

Imke Nikolai-Kaiser unterrichtet die Fächer Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Berlin Neukölln. Als Seminarleiterin bildet sie zudem angehende Lehrkräfte aus. Im Interview erzählt sie, wie sie das Thema gendergerechte Sprache an einer Schule vermittelt, deren Schülerschaft teilweise mit viel grundlegenderen sprachlichen Herausforderungen kämpft. 

Gendergerechte Sprache?

Die Fragen stellte te.ma-Redakteur Thomas Wagner-Nagy.

Frau Nikolai-Kaiser, wann ist das Thema Gendern das erste Mal in Ihrem Berufsalltag als Lehrerin relevant geworden und welche Rolle spielt es heute?

Tatsächlich erinnere ich mich an mein eigenes Studium, dass das Gendern da schon ein Thema war. Wir haben auch diese Experimente gemacht, bei denen es hieß: „Zeichnet mal ein Bild von dem Mieter und seinem Kind“ – und dann zeichnen alle irgendwie einen männlichen Mieter und ein männliches Kind. So hatte ich persönlich immer ein Interesse an diesem Thema.

Aber richtig wichtig ist es vielleicht seit sieben oder acht Jahren, würde ich sagen. Da hat es den Weg in die Schule gefunden. Wir haben unter allen Sprachentwicklungsthemen ganz lange über Anglizismen gesprochen, dann über Kiez-Sprache. Jetzt sind Sprache und öffentlicher Raum, Sprache und Macht sowie Sprache und Politik mehr zum Thema geworden. Da kam auch das Gendern dazu. In diesem größeren Zusammenhang ist es im Moment ziemlich virulent.

Wie gehen Sie als Deutschlehrerin in der Praxis damit um? Wie eröffnen Sie ein solches Thema Ihrer Schülerschaft? Und wie entscheiden Sie zwischen Richtig und Falsch?

Mit Richtig oder Falsch habe ich tatsächlich ganz wenig zu tun. Meine Position dazu ist, dass hier ein Prozess des Sprachwandels im Gang ist. Und da gibt es für mich kein Richtig und kein Falsch. Ich würde nie Schülerinnen und Schülern, die nicht gendern, irgendwas anstreichen. Oder umgekehrt denjenigen, die gendern, sagen, „das darfst du jetzt nicht, denn es steht noch nicht im Duden“.

Die Beidnennung ist ja sowieso unproblematisch, aber auch alle Unterstrich- und Sternchenformen sind für mich vollkommen okay. Es ist aber natürlich auch nicht anzustreichen, wenn nur das generische Maskulinum verwendet wird. Das Einzige, bei dem ich mich neulich mal gerührt habe, war das Wort „Mitgliederinnen“. Da habe ich dann gedacht: Nein, also die fünfeinhalb Wörter, die wir haben, die nicht zu gendern sind, die brauchen wir jetzt auch nicht noch mit ins Boot zu holen. Wir haben ja mit so elementaren Problemen zu tun, was Rechtschreibung und Grammatik betrifft. Wenn Sie sehen würden, was ich an Texten lese, da ist Gendern wirklich gar kein Problem für mich. Ich gehe damit offen und locker um und freue mich eigentlich, wenn irgendeine Form von Gendern verwendet wird. Aber diese Frage, ob das richtig oder falsch ist... Es gab in Berlin jetzt gerade wieder einen überambitionierten Vater, der eine Kollegin regelrecht angezeigt hat, weil sie im Unterricht gegendert hat. So etwas kann ich nicht verstehen. Was ist denn bei Sprache richtig und was ist falsch, wenn wir uns im Sprachwandel befinden? Es ist ja schon mit solchen Dingen wie Zusammen- und Getrenntschreibung schwierig.

2021 hat der Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossen, den Genderstern vorerst nicht ins offizielle Regelwerk der deutschen Sprache aufzunehmen. In einem anderen Interview aus dieser Reihe haben wir von einem Kollegen von Ihnen erfahren, dass er trotzdem offiziell angehalten wäre, es als Fehler anzustreichen, wenn jemand in der Abiturprüfung das Gendersternchen verwendet. Kommen Sie dabei auch gelegentlich in Gewissenskonflikte?

Vielleicht bin ich dahingehend auch nur besonders gleichgültig, aber ich finde, wir haben in Berlin so massive Probleme an so vielen Fronten. Ich kann mir Gymnasien vorstellen, an denen man mit einer Schülerschaft arbeitet, die auf der Spur ist, die ordentliche Sätze schreiben kann und dann auch solche Fragen stellt wie: „Ist das jetzt eigentlich richtig oder falsch?“ Mich hat das überhaupt noch nie jemand gefragt. Die Arbeiten, die ich bis zum Abitur lese, haben ganz andere Probleme sprachlicher Art. Bei einigen unserer Schülerinnen und Schülern etwa ist es so schwierig, sie an das Bildungsdeutsch heranzuführen, diese abstrakte Sprache und diese komplexen Zusammenhänge überhaupt zu fassen zu kriegen, dass ich finde, es ist ein marginales Problem mit dem Gendern. Diese fragen das auch gar nicht nach. Wahrscheinlich würden sie es fragen, wenn ich es anstreichen würde. Aber ich habe in meinen jetzigen Lerngruppen vielleicht zehn oder zwanzig Schülerinnen und Schüler, die überhaupt gendern. Und dann freue ich mich eigentlich, dass sie in der zehnten oder elften Klasse überhaupt soweit sind. Manche machen auch den Glottisschlag im Mündlichen. Das fällt mir dann auf, weil das an der Schule eben nicht selbstverständlich ist, überhaupt so ein Sprachbewusstsein zu haben.

Gibt es bestimmte Sprech- und Schreibweisen, die Sie Ihren Schülern empfehlen?

Ich benutze häufig die Doppelnennungen. Der Glottisschlag geht mir schwer von den Lippen. Deswegen entschleunige ich mich gewissermaßen in der Sprache und verwende beide Formen. Das mache ich auch in der Ansprache. Aber wenn ich ein Arbeitsblatt erstelle, würde ich jetzt schon Leser*innen schreiben, also mit einem Sternchen.

Ich empfehle nichts, weil ich vielmehr erkläre, dass der Unterstrich und das Sternchen sozusagen Gendergaps sind, die auch andere Geschlechter einschließen und eigentlich die offenste Form sind, dass die akzeptierteste Form in der Bildungssprache die Beidnennung ist und dass das generische Maskulinum aus meiner Sicht überholt ist. Das wäre das, was ich transportiere.

Lässt sich Ihrer Erfahrung nach am Alter, an der Klassenstufe, am Geschlecht und auch an der Herkunft festmachen, inwieweit und wann Schüler überhaupt für das Thema sensibilisiert werden?

Ja, unbedingt. Die Herkunft beeinflusst bereits, ob man überhaupt mit dem Thema in Berührung kommt. Das wiederum hat wieder mit der Familie und der Peergroup zu tun. Und wenn die Familie, sagen wir mal, nicht akademisch ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand vor der neunten Klasse mit dem Thema in Berührung gekommen ist, relativ gering. Bei anderen, deren Eltern vielleicht selber gendern, da ist das natürlich anders, klar. 

Haben Mädchen im Allgemeinen eine höhere Sensibilität dafür als Jungs?

Ja, vielleicht. Das ist aber rein aus dem Bauch heraus beantwortet. Es gibt nicht mehr diese klar binären Rollenbilder. Und ich empfinde nicht, dass Abweichungen davon noch so schwierig sind. Ich bin natürlich nicht in den Pausen dabei, aber insbesondere die Jungs sind mittlerweile bewusst mit dem Thema und haben sich zumeist damit schon auseinandergesetzt. Das sind aber zumeist auch Schüler, die auch bei „Fridays for Future“ und in der Schülerselbstverwaltung aktiv sind, also jene, die für sich auch schon eine andere Bubble haben.

Bubble ist ein gutes Stichwort. Ist gendergerechte Sprache Ihrer Meinung nach allgemein ein Elitenphänomen?

Es passt mir nicht, aber ich glaube, es ist so. Ich hätte es gerne anders und ich glaube auch, dass es, verglichen mit den 35 Jahren seit meiner ersten Begegnung mit diesem Thema, sehr viel weiter in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Aber ich glaube auch, dass es viele gesellschaftliche Gruppen gibt, die sich wirklich aufregen über das Gendern, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann.

In der ehemaligen DDR etwa sagte man als selbstbewusste Frau, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich bin Baggerfahrer.“ Und meine Ex-DDR-Freundinnen sagen mir immer noch, dass sie das gerechtfertigt finden, dass sie absolute Fans des generischen Maskulinums sind und wir weitere Formen nicht brauchen. Ich empfinde das persönlich nicht und glaube trotzdem, um auf Ihre Frage zurückzukommen, dass Gendern immer noch ein Thema einer relativ kleinen Gruppe ist. Aber es sollte nicht so bleiben. Was wir in der Schule dafür tun können, sollten wir tun, um das weiter zu besprechen und das Spektrum zu erweitern.

Andererseits habe ich auch ein, zwei Schülerinnen und Schüler in meinen Lerngruppen, die streng sind. Sie sprechen dann immer von den „alten“ Konservativen, die rassistisch und sexistisch sind. Sie sehen den Feind stets auf der Seite der „alten weißen Männer“. Das ist auch eine Haltung, die mich mitunter ärgert, weil ich denke, da wird das Problem auch über einen Kamm geschoren. Wenn wir beispielsweise Rollenspiele machen, versuche ich solche Rollen bewusst so zu besetzen, dass diese Schülerinnen und Schüler die „alten weißen Männer“ spielen, damit sie mal sagen dürfen: „Ihr wisst doch, wie ich das meine“ und „Kann doch nicht sein, dass man meine Veranstaltungen nicht mehr besuchen kann, bloß, weil ich kein Gendersternchen benutze“. Das finde ich wichtig, dass der vermeintlich progressive Teil der Gesellschaft nicht die anderen und ihre Haltungen abhängt und pauschal als hinterwäldlerisch oder sexistisch abtut. Denn so einfach ist es eben auch nicht. Ich versuche zu vermitteln, dass wir nicht zu streng miteinander sind, sondern auch sagen können: „Ja, okay, das sind teils jahrhundertelang gewachsene Fragen. Es braucht entsprechend auch Zeit, bis sich eine Gesellschaft umgestellt hat oder neu einstellt.“

Auf unserer te.ma-Website haben wir uns nach intensiver Diskussion dafür entschieden, alle gängigen Formen der Ansprache zuzulassen und auch innerhalb des Genderns selbst (Binnen-I, Doppelpunkt, Unterstrich etc.) keine Vorgaben zu machen. Ein Experiment, um einer dynamischen Sprachentwicklung Rechnung zu tragen. Sehen Sie Trends, welche Formen sich letztlich im Sprachgebrauch durchsetzen könnten?

Als Ausbilderin für Referendarinnen und Referendare sehe ich schon Tendenzen. Die letzten drei, vier Generationen kommen von der Uni und sind klar auf das Gendern eingestellt. Da gibt es niemanden, der nicht gendert. Und wenn nicht gegendert wird, fällt das sofort unangenehm auf. In der Uni wurde offensichtlich ein klarer Fokus auf das Gendern gesetzt, und so erlebe ich diese nachkommenden Generationen von Lehrerinnen und Lehrern auch in der Schule. Sie werden das in die Schule hinein transportieren. Persönlich denke ich, dass sich in der mündlichen Sprache der Glottisschlag durchsetzen wird. Das scheint mir jetzt schon die häufigste Form. Die Doppelnennung, die ich benutze, erscheint schon fast ein bisschen oldschool. Schriftlich könnte mehr möglich sein: Binnen-I, Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt – da sehe ich noch nicht, was sich durchsetzen wird.

Aber ein Zurück zum generischen Maskulinum halten Sie für ausgeschlossen?

Das halte ich in akademischen Kreisen für ausgeschlossen. Ich glaube, dahin gehen wir nicht zurück, endlich, muss man sagen, nach all den Jahren.

Wenn Sie sich mit Blick auf das Thema ganz persönlich etwas wünschen könnten, das den Konflikt befriedet, seien es politisch gesetzte Rahmenbedingungen, ein gesellschaftlicher Konsens oder vielleicht einfach ein gesetzliches Machtwort im härtesten Fall, was wäre das?

Ich halte nichts von Machtwörtern jeglicher Form. Gerade die Menschen, die immer Vorschriften brauchen, kommen mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen schwerer zurecht.
Ich finde das bei einem so zentralen Thema ganz falsch, da etwas vorzuschreiben. Ich bin für offene soziale und gesellschaftliche Räume und glaube fest daran, dass durch die jungen Lehrerinnen und Lehrer von den Universitäten dieser Wandel in die Schulen gebracht wird. Hierin sehe ich die große, fast schon vollzogene Veränderung.

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Gemeint ist der Glottisschlag, ein Knacklaut, durch den das Suffix „Innen“ phonetisch abgesetzt wird.

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